Augustinus - Teil 1
13.01.2026 Vom Lebemann zum Lehrer der Kirche
Das Zeugnis der frühen Christen ist bis heute bedeutsam für die Kirche. Sie waren Wegbereiter, Brückenbauer und mutige Verteidiger des christlichen Glaubens in schwierigen Zeiten. Von: Prof. Dr. Dr. Roland Werner, Honorarprofessor für Theologie im globalen Kontext an der Evangelischen Hochschule Tabor.
“Zu dir hin hast du uns geschaffen, o Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Diese Worte vom Anfang der „Bekenntnisse“ des Augustinus gehören zu den bekanntesten Zitaten der frühen Kirche – sicher auch, weil sich viele in dieser Erfahrung wiederfinden. Doch wie kam es dazu, dass der nordafrikanische Sucher und Denker schließlich seine Ruhe im christlichen Glauben und im Gott der Bibel fand? Und wie dazu, dass er bis heute als Kirchenvater und sogar als einer der vier im Westen anerkannten „Lehrer der Kirche“ gilt? Und dass im Mittelalter verschiedene Ordensgruppen, die sich an der von ihm verfassten geistlichen Regel orientierten, als „Augustiner“ zusammengefasst wurden? Und dass der wohl bekannteste von ihnen, „Bruder Martin“, schließlich mit der Bibel in der Hand gegen Papst und Kaiser stehend eine Reformation auslöste?
Zwischen Klassik und Christentum
In die Wiege gelegt war Augustinus seine weltgeschichtliche Bedeutung nicht. Geboren am 13. November 354 im nordafrikanischen Thagaste (heute Tunesien), spiegelte sich auch in seiner Familie der gewaltige Umbruch der damaligen Zeit wider. Seine Mutter Monika war Christin, während sein Vater noch ganz im traditionellen Römertum verwurzelt war. Entsprechend unterschiedlich waren ihre Hoffnungen für ihren Sohn. Monika betete von Anfang an dafür, dass er Christ würde. Der Vater hingegen wollte ihn für eine Karriere im Staatsdienst ausbilden lassen. Als der Vater 372 starb – kurz davor hatte er sich noch taufen lassen –, musste Augustinus sein Studium aus Geldmangel abbrechen. Dennoch war er auf dem Weg der klassischen Bildung weit vorangekommen. Die Werke Vergils (70–19 vC), die er Vers für Vers analysierte, und die der großen lateinischen Rhetoriker, allen voran Cicero (106–43 vC), bildeten die entscheidende Schule für sein Denken und seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Augustinus war seinem Ziel, ein bewunderter Rhetor und Lehrer zu werden, ein großes Stück näher gekommen. Bald übernahm Romanianus, ein vermögender Verwandter, die Patenschaft und ermöglichte ihm schließlich das Weiterstudium in der Großstadt Karthago. Augustinus beschreibt im Rückblick diese Jahre als voller Unruhe. Als Teil einer Jugendbande durchstreifte er die Straßen seiner Heimatstadt und nahm jede mögliche Vergnügung mit. Er ging eine Partnerschaft mit einer Frau ein, deren Name nicht überliefert ist. Aus dieser Beziehung entsprang sein einziger Sohn, Adeodatus – von Gott gegeben. Welcher Gott damals gemeint war, blieb wohl noch offen.
Auf der Suche nach Sinn
Die Versuche seiner Mutter, ihn zum Christen zu machen, stießen ins Leere. Augustinus fand zu viel Anstößiges in der Bibel. Seine klassische Schulung legte ihm nahe, den Sinn des Lebens eher bei der Philosophie zu suchen als im Glauben. Seine Hinwendung zum Manichäismus, einer damals in der Blüte stehenden dualistischen Religionsphilosophie, ist auf diesem Hintergrund zu verstehen. Der Manichäismus war als eine Art gnostische Lehre, wohl in Anlehnung an die christliche Kirche, zugleich als religiöse Bewegung organisiert. Bald war Augustinus auch von dieser Mischform zwischen Religion und Philosophie enttäuscht, zumal das manichäische Weltbild mit der ewigen Spannung zwischen Gut und Böse zutiefst spekulativ war. Es konnte seine drängenden Fragen nach dem Sinn des Daseins nicht befriedigend beantworten. Und erst recht fand Augustinus hier keine bleibende Kraft zum Führen eines wahrhaft guten Lebens. Schon Cicero hatte ihn in seinem Werk „Hortensius“, eine Art philosophische Wegleitung, darauf gestoßen, dass Philosophie nicht nur eine Sache des klaren Denkens sein, sondern zu einem guten, tugendhaften Leben führen sollte. An der Kraft dazu mangelte es Augustinus jedoch gewaltig, wie er immer schmerzhafter erkennen musste.
Fleisch gegen Geist
383 kam er nach Rom, wo er als Rhetoriklehrer Schüler und eine bewundernde Zuhörerschaft für sich gewinnen konnte. Jedoch litt Augustinus je länger, desto mehr an der Diskrepanz zwischen seinen geschliffenen Gedanken und seiner sprachlichen Fähigkeit auf der einen und seiner inneren Unruhe und seinen ungeordneten Leidenschaften auf der anderen Seite. Im folgenden Jahr wurde er nach Mailand gerufen, wo Kaiser Valentinian II. (371–392) residierte. Augustinus sollte Lobreden auf diesen und andere hohe Staatsbeamte schreiben und vortragen. Im Zentrum der Macht angekommen und von Erfolg gekrönt, ging seine geistige Suche jedoch weiter. Er suchte jetzt im Neuplatonismus nach Antworten und näherte sich, vor allem unter dem Eindruck von Ambrosius, dem Bischof von Mailand (339–397), dem christlichen Glauben an. Dieser war 380 zur Staatsreligion erklärt worden. Doch das bedeutete noch nicht, dass alle römischen Bürger Christen sein mussten. Jedoch war damit das Pendel im Wettstreit zwischen den traditionellen Religionen und dem Christusglauben deutlich auf dessen Seite geschwungen. Schritte zum Glauben Ambrosius war als großer Redner bekannt, und so setzte sich Augustinus dessen Predigten mit dem Ziel aus, von ihm weitere Kniffe in der Kunst der Rhetorik zu lernen. Doch nach und nach erreichte auch der Inhalt der Predigten sein Denken und sein Herz. Dabei eröffnete ihm die vom Neuplatonismus geprägte allegorische Auslegung, die Ambrosius anwandte, einen neuen Zugang zur Bibel. Wir mögen das heute kritisch sehen, gerade in der Nachfolge der Reformatoren, die wieder neu den sensus literalis, den klaren Wortsinn der Heiligen Schrift, ins Zentrum stellten. Doch für den philosophisch gebildeten, suchenden Augustinus wurde diese Auslegungsweise zum Schlüssel. Dabei verlor er nie den direkten Sinn aus dem Blick, wie an seinen vielen späteren Schriften zu erkennen ist.
Eine folgenreiche Lebenswende
Die heilsame Krise kam nach einem körperlich-seelischen Zusammenbruch, den Augustinus 386 erlebte. Er zog sich zur Erholung auf ein Landgut zurück. Auch wenn er sein Erlebnis im Nachhinein etwas stilisiert dargestellt haben mag, ist doch sein eigener Bericht – neben der Lebensbeschreibung seines Freundes Possidius – unsere wichtigste Quelle. Er beschreibt ausführlich seinen bisherigen Weg und seine innere Zerrissenheit zwischen Wissen und Tun – also zwischen dem Erkennen des Guten und dessen Umsetzung. All das fasst er, wie das gesamte Buch der „Bekenntnisse“, in die Form eines Gebets. Er schreibt: „In diesem gewaltigen Aufruhr meines Innern, den ich aus aller Kraft mit meiner Seele in der Kammer meines Herzens hervorgerufen hatte, gehe ich verstörten Gesichtes und Sinnes zu Alypius und rufe: ‚Wohin lassen wir es kommen? (…) Ungelehrte stehen auf und reißen das Himmelreich an sich, und siehe da, wir mit unserer Gelehrsamkeit, wir wälzen uns in Fleisch und Blut herum!‘ (…) Solcherlei sprach ich, ich weiß nicht was alles: In meiner Aufregung riss ich mich von ihm los, während er wie angedonnert mich anstarrte und schwieg. Das war nicht meine gewohnte Sprache; mehr als die Worte, die ich ausstieß, verrieten Stirne, Wangen, Augen, Gesichtsfarbe und Ton meiner Stimme meine Gemütsverfassung. Ein Gärtchen stieß an unsere Wohnung. (…) Dorthin hatte mich der Aufruhr in meiner Brust fortgerissen; dort konnte niemand den heißen Streit hindern, den ich mit mir begonnen hatte, bis er den Ausgang nehme, den du wusstest, ich aber nicht. Allein mich hatte ein heilsamer Wahnsinn erfasst, und ich erstarb zum Leben; ich wusste, wie viel Böses an mir war, nicht aber, welchen Wert ich binnen kurzem erhalten sollte.“ (Bekenntnisse 8,8) Ausführlich beschreibt Augustinus den inneren Kampf, der hier zu seinem Höhepunkt kommt, den Kampf nicht nur zwischen Gut und Böse, zwischen Fleisch und Geist, sondern auch zwischen Geist und Geist, zwischen diesem bösen Wollen und dem nächsten bösen Wollen: „So verlief in meinem Herzen der Kampf, den ich einzig und allein gegen mich kämpfte.“ (Bekenntnisse 8,11)
Die lebensverändernde Kraft der Bibel
Doch jetzt erlebt Augustinus etwas, das er nur als göttliches Eingreifen verstehen kann: „Als ich so in tiefschürfender Betrachtung mein ganzes Elend aus seinem geheimen Grunde hervorzog und vor die Augen meines Geistes stellte, da erhob sich ein gewaltiger Sturm, der einen ungeheuren Tränenregen mit sich führte. (…) Und siehe, ich höre da aus dem benachbarten Hause die Stimme eines Knaben oder eines Mädchens in singendem Tone sagen und öfters wiederholen: ‚Nimm und lies, nimm und lies!‘ Sogleich veränderte sich mein Gesichtsausdruck. (…) Da hemmte ich den Strom meiner Tränen und stand auf; konnte ich mir doch keine andere Erklärung geben, als dass eine göttliche Stimme mir befehle, die Schrift zu öffnen und das erste Kapitel, auf das ich gestoßen, zu lesen. (…) Daher kehrte ich eiligst auf den Platz zurück, wo Alypius saß; denn dort hatte ich die Briefe des Apostels liegen lassen, als ich aufgestanden war. Ich griff nach ihnen, öffnete sie und las für mich das Kapitel, auf das zuerst meine Augen fielen: ‚Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid; sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pfleget nicht des Fleisches in seinen Lüsten.‘ Ich wollte nicht weiterlesen, es war auch nicht nötig; denn bei dem Schluss dieses Satzes strömte das Licht der Sicherheit in mein Herz ein, und alle Zweifel der Finsternis verschwanden.“ (Bekenntnisse 8,12)
Die Wende des Augustinus war radikal. Er ließ sich von Ambrosius taufen und weihte sein Leben von nun der christlichen Sache. Seinen Ruf zur Nachfolge verstand er, wie viele seiner Zeit, auch als Ruf zum Verzicht auf die Ehe. Mit seinem Freund Alypius und seinem Sohn Adeodatus gründete er eine Männergemeinschaft, die sich dem Studium der Bibel, dem Gebet und dem geistlichen Leben widmete. Die Gemeinschaft zog bald um nach Thagaste, der Heimatstadt von Augustinus. Doch seine Berufung reichte weiter als nur dahin, in kleiner Runde ein gottgeweihtes Leben zu führen. Der Bischof des Abendlandes In der Lebensbeschreibung von Possidius erfahren wir, wie der Lebensweg von Augustinus weiterging: wie er zum Bischof berufen wurde, wie seine geistliche Männergemeinschaft zu einer Quelle der kirchlichen Erneuerung wurde, wie Augustinus sich in den theologischen Stürmen der Zeit verhielt und wie er schließlich angesichts des drohenden Unter gangs des „ewigen Roms“ den Blick auf die bleibende Stadt Gottes richtete und so einen Grundstein für das gesamte sogenannte christliche Abendland legte. Das alles werden wir in einem zweiten Teil bedenken. (Nächste Woche)
[Quelle: IDEA DAS CHRISTLICHE SPEKTRUM 48.2025]




