Augustinus - Teil 2
20.02.2026 Zwischen Weltreich und Gottesreich
Sie waren Wegbereiter, Brückenbauer und Verteidiger des christlichen Glaubens. Das Zeugnis der frühen Christen ist bis heute bedeutsam für die Kirche. Im ersten Teil ging es um Augustinus’ Bekehrung, der zweite Teil ist dessen Wirken und seinen Lehren gewidmet. Von: Prof. Dr. Dr. Roland Werner, Honorarprofessor für Theologie im globalen Kontext an der Evangelischen Hochschule Tabor.
“Unruhig ist unser Herz.“ Diese Worte aus der geistlichen Autobiografie von Augustinus beschreiben seine Suche nach Klarheit und Gewissheit, die er schließlich im Glauben an Jesus Christus fand. So unruhig sein Herz auch war, so ruhig und geordnet war die äußere Welt an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert. Schon über 1.000 Jahre bestand das „Ewige Rom“. Doch nur wenige Jahrzehnte später sah die Welt völlig anders aus. Die Zeit der sogenannten Völkerwanderungen war angebrochen. Germanische Stämme überwanden die Grenzen des Römischen Reiches. Die Vandalen fielen in die nordafrikanischen Provinzen ein. Nach der Einnahme Karthagos erreichten sie Hippo. Augustinus starb am 28. August 430 in der belagerten Stadt, in der er seit 396 Bischof war. Kurz darauf fiel auch sie in die Hände der Eroberer. Eine Ära ging zu Ende.
Abbruch und Aufbau im Osten und im Westen
Im schicksalshaften 5. Jahrhundert zerbrach das ewige Rom. Der östliche Teil, oft Byzantinisches Reich genannt, konnte noch einmal 1.000 Jahre blühen, bis schließlich die muslimischen Türken 1453 die Hauptstadt Konstantinopel einnahmen. Diese Blütezeit „Ostroms“ bildete eine eigene, großartige Geschichte, die heute kaum noch bekannt ist. Im Westen jedoch war zunächst nur Abbruch und Untergang zu spüren. Dass aus den Trümmern des Weltreiches eine neue geistige, kulturelle und politische Wirklichkeit entstehen konnte, daran hatte Augustinus einen wesentlichen Anteil. In seinem monumentalen Werk „De civitate Dei“ („Der Gottesstaat“) legte er ein Fundament für den Wiederaufbau unter neuen Vorzeichen. So entstand – in der Spannung zwischen antiker Tradition und biblischer Innovation, zwischen Abbruch und Kontinuität – das christliche Abendland, in dem Germanen und Römer, Eroberer und Besiegte zu einer neuen Einheit verschmolzen, die ebenfalls weit über tausend Jahre Europa prägen sollte.
Ein starkes Fundament
Von all dem konnte Augustinus noch nichts wissen. Doch er tat, was er tun musste. Aus der Festigkeit seines Herzens, die ihm durch die Hinwendung zu Jesus Christus entstanden war, entwickelte er eine Klarheit des Denkens und Lebens. Sein Herz war zur Ruhe gekommen. Jetzt konnte der Geist arbeiten. An die 100 Werke schrieb Augustinus bis zu seinem Tod; eine ungeheure Leistung, die eine starke Wirkung entfaltete. Dazu gehören exegetische Werke ebenso wie dogmatische und apologetische Schriften und Auseinandersetzungen mit Häresien. Augustinus schrieb über das Wesen der Dreieinigkeit genauso wie über das der Ehe, über Bekehrung und Taufe ebenso wie über Auslegungsfragen der Bibel, über die „Gnade Christi und die Erbsünde“, über Grammatik und Rhetorik wie über den Untergang der Stadt Rom, über die Seele und ihren Ursprung und vieles mehr. Die unglaubliche Menge seiner Schriften ist nur dadurch zu erklären, dass ihm Schreiber zur Verfügung standen, denen er diktieren konnte. Der allergrößte Teil seines literarischen Werkes ist heute noch erhalten. Die gesamte christliche Theologie des Abendlandes baut auf der grundlegenden Denkarbeit des Augustinus auf. Anselm von Canterbury (um 1033–1109), Thomas von Aquin (um 1225–1274), Martin Luther (1483–1546), Johannes Calvin (1509–1564) und auch John Wesley (1703–1791) verdanken ihre Überzeugungen zu einem großen Teil diesem Kirchenvater des Westens. Gleichzeitig blieb Augustinus in der Ostkirche weitgehend unbekannt. Der Grund dafür: Die sprachliche Grenze – Griechisch im Osten, Lateinisch im Westen – entspricht fast genau der späteren Spaltung in die östlich orthodoxe und die westliche katholische Kirche.
Ein Mann der Gemeinschaft
Doch es wäre einseitig, sich Augustinus nur als einsamen theologischen Denker vorzustellen. Die Lebensbeschreibung seines Freundes Possidius zeichnet ein anderes Bild. Possidius verfasste sie direkt im Anschluss an Augustinus‘ Tod, bei dem er an dessen Seite war. Er beschreibt die Anfänge der geistlichen Gemeinschaft, die sich um Augustinus aufbaute: „Nach Empfang der Taufe entschloss sich Augustinus, mit einigen anderen Bürgern und Freunden, die wie er sich Gott hinzugeben gewillt waren, nach Afrika ins väterliche Heim zurückzukehren.Dort richtete er sich ein und verblieb etwa drei Jahre. Allen weltlichen Sorgen enthoben, lebte er im Kreise vertrauter Freunde und ganz für Gott in Fasten, Gebet und guten Werken. Tag und Nacht sann er nach über das Gesetz des Herrn. Was ihm Gott bei solchem Erwägen und Beten enthüllte, das trug er denen vor, die um ihn waren, oder er schrieb es nieder für die in der Ferne.“ War also schon seine Bekehrung Teil eines gemeinschaftlichen Geschehens – schließlich ließen sich sein Freund Alypius und sein Sohn Adeodatus gemeinsam mit ihm von Ambrosius in Mailand taufen –, so stand auch sein weiteres Leben unter dem Vorzeichen geistlicher Gemeinschaft; zunächst in Tagaste, der Heimat von Augustinus. Sie verstanden sich als Gottesdiener, „servi Dei“, also als gottgeweihte Laien. Doch dieses zurückgezogene Leben, geprägt von Gebet und Fasten, von Studieren und Austausch, sollte nicht lange währen.
Zwangsverpflichtet zum Gemeindedienst
Die besonderen Gaben des Augustinus konnten nicht lange verborgen bleiben. Bald wurde er gegen seinen Wunsch in den Dienst der Ortsgemeinde gerufen. Wie das geschah, beschreibt Possidius mit lebendigen Worten: „Valerius, der Heilige, war damals Bischof der katholischen Gemeinde in Hippo. Wieder einmal ermahnte er in seiner Predigt das Gottesvolk, doch Sorge zu tragen, dass für die Stadt ein Priester gewählt werde; so erforderte es die dringende Not der Gemeinde. Da ergriffen einige Katholiken Augustinus. ... Er aber stand ganz ruhig unter dem Volke, ohne zu ahnen, was kommen sollte. Es war so seine Art, als Laie nur von jenen Kirchen fernzubleiben, die keinen Bischof hatten, wie er selbst uns erzählte. Sie fassten ihn also und brachten ihn nach altem Herkommen hin zum Bischof, dass er ihn weihe. Einig in Sinn und Begehren, forderten alle, dass ihr Vorschlag angenommen werde. Mit Ungestüm und Geschrei drangen sie in Augustinus ein. Er aber weinte sehr. Nun waren da einige, die ihm seine Tränen als Stolz auslegten. Sie sprachen deshalb zu ihm, um ihn zu beruhigen: Es stehe ihm freilich höhere Würde zu. Doch das Priestertum führe ja ganz nahe an das Bischofsamt heran. Der Grund seiner Tränen war jedoch ein anderer. Er sah nämlich ganz klar die Menge und Größe der Lebensgefahren, welche die Leitung und Regierung jener Kirche ihm einbringen werde, und die tatsächlich bereits im Anzug waren. Darum klagte er. So erfüllte sich ihr stürmisches Begehren.“
Ein Modell für die Zukunft
Auch als Priester und später als Bischof von Hippo lebte Augustinus als Teil der geistlichen Gemeinschaft der Gottesdiener. Viele seiner Mitbrüder wurden ebenfalls Bischöfe in nordafrikanischen Städten und trugen so seine Überzeugungen und Impulse weiter. Die prägende Kraft der klosterähnlichen Gemeinschaft um Augustinus kann nicht unterschätzt werden. Sie stellte ein Modell geistlichen Lebens dar, das dazu in der Lage war, auch in stürmischen Zeiten das Überleben des christlichen Glaubens und der Kirche zu sichern. Die konzentrierte Frömmigkeit, gepaart mit Bildung und intellektueller Lebendigkeit, wurde in der entstehenden klösterlichen Bewegung zur Grundlage des Lebens. Vieles Weitere wäre noch über Augustinus zu berichten. So schreibt Possidius noch von einem weitgehend übersehenen Aspekt seines Wirkens: „So hat der Heilige auch viele Besessene geheilt und viele andere Wunder getan.“ Davon schreibt Augustinus selbst im „Gottesstaat“ (Kapitel 22), allerdings in der dritten Person, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken.
Missverständnisse und falsche Interpretation
Leider gab es auch dunkle Seiten bei ihm. Dazu gehört sein Kampf gegen die Donatisten – Christen, die in dem Bemühen, ihren Glauben ernst zu nehmen, in einen gewissen Rigorismus verfielen. Diese geistliche Bewegung wurde zur starken Konkurrenz, und Augustinus rief schließlich nach staatlichem Eingreifen. Den bewaffneten Kampf gegen die Donatisten suchte er mit dem Hinweis auf den Satz aus einem Gleichnis vom großen Abendmahl zu rechtfertigen. Die lateinische Wiedergabe der Aussage „drängt sie, hereinzukommen“ hatte unglücklicher weise den Zweitsinn „Zwingt sie, herein zukommen“ und öffnete so die Tür für eine solche Falschinterpretation. Zugleich wird Augustinus auch häufig missbraucht. Das Zitat „Liebe und tue, was du willst“ hat – entgegen mancher neuzeitlicher Interpretationen – überhaupt nichts mit erotischer Liebe oder gar freier Sexualität zu tun. Vielmehr geht es darum, dass wir in allem Handeln von Liebe motiviert sein sollen: „Liebe und tu, was du willst. Schweigst du, so schweige aus Liebe. Redest du, so rede aus Liebe. Kritisierst du, so kritisiere aus Liebe. Verzeihst du, so verzeih in Liebe. Lass all dein Handeln in der Liebe wurzeln, denn aus dieser Wurzel erwächst nur Gutes.“
Im Tiefsten ging es Augustinus also um das durch Gotteserkenntnis und Gottesliebe erneuerte Herz: „Wandle das Herz, und das Werk wird sich wandeln! Reiß aus die Begierde, pflanze ein die Liebe! Wie nämlich die Begierde die Wurzel allen Übels ist, so ist auch die Liebe die Wurzel alles Guten. Warum also murren die Menschen unter sich oder führen Streitgespräche, indem sie sagen: Was ist das Gute? Wenn du doch nur wüsstest, was das Gute ist!“ Für Augustinus war klar: Das wahrhaft Gute ist nur in Gott selbst zu finden. Sein Leben zwischen Weltreich und Gottesreich fand seine Vollendung im Vertrauen auf diesen guten und gerechten Gott, der allein ewig ist.
[Quelle: IDEA DAS CHRISTLICHE SPEKTRUM 50.2025]




