Das Diesseits frisst das Jenseits
27.01.2026 Megatrends, die Christen herausfordern
2026 – ein Viertel des Jahrhunderts ist vorbei. Prof. Stephan Holthaus (Rektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen) zieht anhand von vier Megatrends ein Zwischenfazit und zeigt, wie Christen darauf reagieren können.
Die Rückkehr des Nationalismus
Der Nationalismus ist zurück. Die Globalisierung wird zurückgedreht. Nationen besinnen sich wieder auf sich selbst – und schotten sich ab. Der Brexit war ein Warnsignal, „America first“ reihte sich ein. Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Nationalisten haben in Europa Zulauf. Der europäische Gedanke – Garant für 70 Jahre Frieden – hat es schwer. Ressentiments sprießen. Die Migrationsfrage bewegt Menschen, die Integration ist in manchen Städten schon lange gescheitert. Noch wichtiger: Die Staatsform der Demokratie wird von manchen als ineffektiv und zu anstrengend empfunden. Der „Demokratieindex 2024“, ein von der britischen Zeitschrift „The Economist“ berechneter Index aus 167 Ländern, fällt seit Jahren. Die Zahl der autoritären und autokratischen Regierungen nimmt zu. Die Autokraten sind zurück – und werden von vielen bejubelt. Das kommt alles nicht von irgendwo. Es ist die Reaktion auf jahrzehntelangen Pluralismus und zügellosen Liberalismus, eine Reaktion auf das Lächerlichmachen konservativer Werte wie Heimat und Nation, die Retourkutsche für „Gender“, „woke“ und so weiter. Der wahre Hintergrund ist aber: Wir haben im Westen unsere Wurzeln verloren. Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, wo wir herkommen, warum wir leben. Die Identitätskrise der Moderne treibt die buntesten Blüten – und führt zu viel Frust und Ausgrenzung. Die einen feiern die unendliche Vielfalt der Geschlechter, die anderen pochen auf die völkische Identität. Der Mensch hat sich selbst verloren, ist zerrissen, hin- und hergeworfen auf der Suche nach Sinn, Halt und Identität.
Was bedeutet das für uns Christen?
Das Gebet für die Regierenden ist wichtiger denn je. Nationalismus und Imperialismus sind gefährliche Ideologien. Wir müssen hellwach sein, auch in unseren Kirchen. Noch besser ist: Christen gehen in die Politik, engagieren sich für das Gemeinwohl, überlassen unsere Welt nicht den Ideologen. Aufklärung in unseren Kirchen und Gemeinden ist dringend geboten, denn auch manche Christen gehen den Ideologien von links und rechts auf den Leim.
Die große Gereiztheit
Der zweite Trend hat viel mit dem ersten zu tun. Unsere Welt wird aggressiver, ist gereizter geworden. Wir geraten schneller und häufiger in Wallung. Die Wut bahnt sich ihren Weg. Vor allem in den sogenannten „sozialen Netzwerken“ wird offen oder anonym gepöbelt und geschimpft, so unsozial, dass sich die Balken biegen, auch unter Christen. Gewaltausbrüche, verbal oder real, nehmen zu. Politiker erhalten Morddrohungen. Lehrer klagen über aggressive Schüler – und Eltern! Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht von einer „großen Gereiztheit“, von einer „kollektiven Erregung“. Einer der Gründe ist: Dank moderner Medien sind wir besser informiert als früher. Innerhalb von Sekunden jagen „News“ um die Welt. Meldungen mit Empörungspotenzial generieren mehr Klicks und Kommentare. Mittlerweile sind wir aber alle unsere eigenen Nachrichtenkanäle. Wir posten uns sprichwörtlich zu Tode! Die überbordende Emotionalität und Aggressivität zeigt Wirkung. Das „Vielfaltsbarometer“ der „Robert-Bosch-Stiftung“ offenbart eine Zunahme der Intoleranz in Deutschland gegenüber ethischen Gruppen, aber auch gegenüber Religionen und Kirchen. Viele haben „die Nase voll“. Es wird gemotzt, gemeckert, vom Leder gezogen. Natürlich sind immer die anderen schuld. Die Empörung wird angestachelt durch „Fake News“. Schamlos werden Fakten verdreht. Künstliche Intelligenz hilft dabei. Wer kann noch Wahrheit von Lüge unterscheiden? Im Internet gibt es längst eine verhängnisvolle informative Parallelwelt, die verführt und erregt.
Was bedeutet das für uns Christen?
Besonnenheit! Weisheit ist die wichtigste Ressource unserer Zeit. Wir brauchen Menschen, die sich nicht von ihren Emotionen leiten lassen, die Fakten nicht verdrehen. Menschen der Wahrheit. Hass hat keinen Platz in der Gemeinde Jesu. Wir müssen mutig die „Wutbürger“ auch in den eigenen Reihen zurechtbringen. Die Kirche Gottes als Platz der Liebe, der Vergebung und Annahme ist die heilsame Alternative in einer Welt der Aggression und des Misstrauens. Vor allem brauchen wir Vertrauen untereinander. Auf diesem Megawert fußen unsere sozialen Beziehungen. Gereiztheit, Radikalisierung und Polarisierung sind Ausdruck einer tiefen Sinnkrise, oder wie es der Soziologe Peter Berger bereits vor Jahren sagte: „Nationen, die nichts haben, haben Mittelkrisen. Nationen, die alles haben, haben Sinnkrisen.“ Menschen, die immer mehr wollen, kennen keine Zufriedenheit. Die Gier zerfrisst uns. Wir leben unversöhnt, mit anderen, mit Gott, oft auch mit uns selbst. Dankbarkeit fehlt, ebenso Demut und Bescheidenheit. Deshalb bitte: Zurück zu den biblischen Tugenden und Werten!
Einsam, entgrenzt, erschöpft
Ein Blick auf das Innerste der Deutschen zeigt, wohin die Reise geht. Trendforscher sprechen von einer Zunahme der Einsamkeit. Gemeint ist weniger das Phänomen des Alleinseins. Schon heute leben 17 Millionen Deutsche in Single-Haushalten – Tendenz steigend. Manche sind einsam, aber nicht alle. Einsamkeit gibt es auch bei Menschen, die von anderen umgeben sind, zunehmend vor allem bei jungen Menschen. Einsamkeit ist das Gefühl, verlassen zu sein, sich nach jemandem zu sehnen, dem man alles sagen kann – aber keiner ist da. Wir vermissen den guten Freund, die Schulter, an der wir uns ausheulen können. Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer spricht angesichts von Millionen einsamen Menschen von einer „Volkskrankheit“. Die Bindungsforschung schlägt schon lange Alarm. Wir haben viele „Likes“ bei Facebook und Instagram, freuen uns dort über Hunderte von „Freunden“, aber die realen Beziehungen nehmen ab. Wir können oder wollen uns nicht mehr „binden“. Die Mobilität verstärkt den Trend zum Verlust von Beziehungen. Wir möchten im Jetset-Zeitalter überall zu Hause sein, verlieren dadurch aber unsere Heimat. „Wo gehöre ich eigentlich hin?“ Der Individualismus macht uns zu „Solisten“. Ein Grund dafür: Wir leben unverbindlich. Die neue „Generation Vielleicht“ (Gabrielle Rütschi, Psychotherapeutin und Psychologin) legt sich nicht fest, lässt sich stets ein Hintertürchen offen. Veranstalter kennen das, auch in der Kirche: Die Leute melden sich immer später an. Es könnte ja noch was Besseres kommen! Wir sind entscheidungsschwach, wägen ständig ab, vergleichen uns und alles, statt einfach „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Punkt!
Die Menschen leben „entgrenzt“
Die „Generation Befindlichkeit“ übt sich derweil in Nabelschau, blendet negative Erlebnisse aus. Wir machen ständig Selfies, sind selbstverliebt und haben uns doch verloren. Auf Instagram nur glückliche Gesichter. Mit Tod, Leiden, Krankheit will man nichts zu tun haben. Konflikten wird aus dem Weg gegangen. In der Erziehung werden Kinder verhätschelt, man vereitelt das Erwachsenwerden. Die grenzenlose Zuwendung der besorgten Eltern führt beim Nachwuchs nicht selten zu psychischen und psychosomatischen Abhängigkeitserkrankungen. Die Menschen leben „entgrenzt“. Alte Vorgaben, Maßgaben und Stopp-Schilder zählen nicht mehr. Neinsagen fällt schwer. Die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten schürt Sehnsüchte und Fantasien. Der Psychoanalytiker Rainer Funk warnt: Eine entgrenzte Gesellschaft wird krank. Wer ständig über seine Verhältnisse lebt, Grenzen missachtet, verliert sich selbst. Wer alle Bindungspflöcke herauszieht, erliegt dem Stress der Unverbundenheit. „Entgrenzungsstreben schwächt das Ich“, macht süchtig. Funk konstatiert, dass 75 % aller Psychotherapien sich nur um ein Ziel drehen: dass Patienten die vom Leben selbst zugemuteten Grenzen wieder akzeptieren. Die extensive Nutzung des Smartphones, von Videospielen und anderer technischer Geräte wird in Zukunft einen Tsunami an Suchtstörungen hervorbringen. Mediziner warnen schon heute und fordern eine Altersbegrenzung bei der Nutzung moderner Medien. Pornografie, Spielsucht und Magersucht sind auf dem Vormarsch. Die Quintessenz von allem ist eine kollektive Erschöpfung. Die diffuse Diagnose „Burn-out“ hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch erhöht. Müdigkeit, Kraft- und Antriebslosigkeit, Abgeschlagenheit und Überforderungsgefühle sind an der Tagesordnung. Ängste nehmen zu. Der Akku ist leer. Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme und mangelnde Leistungsfähigkeit sind die Folgen. Sechs Millionen Deutsche leiden unter Schlafproblemen. Die Zahl der an Depressionen Erkrankten wächst. Was ist nötig? Stille, Besinnung, Begrenzung. Wo können wir sie besser finden als bei Gott und in seiner Gemeinde? Konzentration auf das Wesentliche, Kontemplation – alles Megawerte unserer Zeit. Um Resilienz zu entwickeln, braucht es Ruhe, den „Frieden im Herzen“. Wer Sinn im Leben hat, lebt gelassener. Wer weiß, dass diese Welt nicht das Letzte ist, sondern nur das Vorletzte, kann ruhig schlafen. Wer angekommen ist, bei Gott und damit bei sich selbst, hat einen inneren Anker, der hält. Was unserer Welt auch fehlt und was der Glaube zu bieten hat, sind: Liebe, Vergebung, Gnade und Hoffnung. Vor allem auch Dankbarkeit für das, was man hat. Dankbarkeit macht glücklich, gesund und ausgeglichen.
Was bedeutet das für uns Christen?
Bei all diesen Entwicklungen müsste eigentlich die Stunde der Kirche schlagen. Gerade sie ist doch die Expertin für Verbindlichkeit, für echte Beziehung und Treue. Kein Mensch kann ohne reale Beziehungen leben. Der Mensch ist von Gott auf das Du angelegt. Er braucht Resonanz (Hartmut Rosa, Soziologe), ein körperliches Gegenüber – weil das so vom Schöpfer vorgesehen ist. Genau das erlebt man bei Christen (hoffentlich). In diesem super Biotop der Gemeinde Jesu erlebe ich: Ich bin geliebt, angenommen, wertvoll, jeder, egal was ich leiste und bin. Wie heilsam! Gott hat uns Grenzen gesetzt. Seine eigenen Grenzen zu bejahen ist ein großer Segen, macht ruhig und gelassen. Wir sind nicht der Christus, wir können nicht alles – Gott sei Dank! Zwar sollen wir die Welt gestalten, auch mal an unsere Grenzen gehen. Nur so ist Fortschritt möglich. Aber wer dauernd über seine Grenzen lebt, verliert am Ende sich selbst.
Das Diesseits frisst das Jenseits
Was besonders schmerzt: Die „Verweltlichung“ hat zugenommen. Deutschland ist längst ein heidnisches Land mit ein paar wenigen christlich-kulturellen Restbeständen. Das Diesseits frisst das Jenseits. Wir haben den Himmel verloren. Die Säkularisierung feiert Triumphe – in einer Geschwindigkeit, die vor 25 Jahren noch undenkbar war. Die Gottlosigkeit nimmt zu. Die Menschen haben heute sogar vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Dementsprechend sinkt der christliche Grundwasserspiegel. Bibelwissen kann man nicht mehr voraussetzen. Das gilt längst auch für Westdeutschland. Der Sinn kirchlicher Feiertage ist vielen unklar. Das biblische Menschen- und Weltbild – grundlegend für unser Grundgesetz und die soziale Marktwirtschaft – ist den meisten nicht mehr geläufig. Der christliche Glaube spielt in der Öffentlichkeit praktisch keine Rolle mehr. Man kommt gut ohne Gott aus. Das Christentum ist zu einem Kulturfaktor verkommen, ein Zeremonienmeister für Hochzeit und Beerdigung. Wenn man Gott aus dem kollektiven Gedächtnis streicht, lugen die Götzen um die Ecke. Materialismus und Individualismus sind die dominanten Ideologien der Zeit. Die Namen der heimlichen Götter sind Legion: das Häuschen, das Smartphone, das Auto, der Urlaub, die Gesundheit, der Fußballverein, das eigene Ich. Aus einer Majoritätskirche ist eine Minderheitskirche geworden. Auch viele klassische Freikirchen und Gemeinschaftsbewegungen schrumpfen. Nur die Migrationskirchen und die charismatischen Freikirchen oder ganz freie Gemeinden wachsen.
Was bedeutet das für uns Christen?
Über die Gründe der Kirchenkrise ist viel geschrieben worden. Wohlstand und Selbstgenügsamkeit, mangelnde missionarische Stoßkraft, liberale Theologie, erstarrte Traditionen etc.: Man hat seine Bestimmung verloren. Erweckung tut not und auch schonungslose Selbstkritik, Gebet um Erneuerung, Buße, Umkehr.
Erneuerung aus dem Evangelium
Viele andere Trends werden uns in Atem halten: Klimawandel, demografischer Faktor, die Schuldenlast vieler Nationen, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, die Sicherung zwischenstaatlicher Daten- und Energieinfrastruktur, grenzüberschreitende Epidemien und Desinformationskampagnen. Ein Blick in die Bibel tut heute gut. Jesu Endzeitreden sprechen von Verführung (Matthäus 24–25), von falschen Messiassen und Propheten, von Krieg und Kriegsgefahr, Hungersnöten und Erdbeben, von starker Christenverfolgung (wie aktuell!), vom Abfall vom Glauben und großer Gesetzlosigkeit. Inmitten dieser düsteren, apokalyptischen Zustände strahlt aber die Hoffnung: „Die Botschaft vom Reich Gottes wird in der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker sie hören“ (24,14). Christen sind aufgerufen, sich nicht verführen zu lassen, unerschrocken zu sein, standhaft und treu. Am Ende kommt der Christus, unser Retter und Weltenrichter. Über allen Krisen steht das „Fürchte dich nicht!“ Wir müssen bei uns anfangen: Die Kirche von heute hat weniger eine Systemkrise als eine geistliche Krise. Glauben in einer „Zeit der Leichtgläubigkeit“ ist schwieriger geworden, ja, aber deshalb doch umso wichtiger. Glauben bedeutet „Vertrauen haben in einen allmächtigen Gott“, auf das Wesentliche konzentrieren, die Ewigkeitsperspektive aufzuzeigen. Die Menschen lechzen nach Vergebung, Befreiung von Schuld, Sinn, Erlösung, Annahme, Resonanz, wahrer Identität. Das ist doch die Kernbotschaft der Kirche, genau das schenkt das Evangelium!
Es ist nicht zu spät
Viele Krisen sind nicht neu. Geistliche Krisen gab es schon früher zuhauf. Eine davon zur Zeit Salomos. Der Tempel war fertig. Alles glänzte. Bei der Einweihung warnte Gott. Er sah voraus, dass sein Volk anderen Göttern nachlaufen würde. Seine Therapie war schlicht: „Wenn mein Volk, das nach mir genannt wird, sich demütigt, mein Angesicht sucht und umkehrt vom bösen Wege, dann werde ich vom Himmel hören, ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen“ (2Chr 7,14). Das gilt auch heute und für die nächsten Jahre. Der Glaube an Christus ist gerade in unserer Zeit so unglaublich wichtig! Wenn die Familie Gottes in Abhängigkeit von dem Allmächtigen bleibt, betet, treu und unerschrocken nach Gottes Geboten lebt, die Sünde meidet und das wunderbare Evangelium verkündet, ist es nicht zu spät für Erweckung und Aufbruch. Dann hat der alte Kontinent Europa wieder Zukunft, auch unser Land – und auch wir persönlich. Dann können wir in den turbulenten Zeiten „getrost warten auf das, was kommen mag“, wunderbar geborgen in dem, der die Welt in seiner Hand hält. Dann haben wir Zukunft.



