Das Leben am Königshof in Jerusalem und Samaria
22.07.2026 Was archäologische und schriftliche Zeugnisse verraten
Wie lebten und wohnten die Könige Israels und Judas? Wie organisierten sie ihre verhältnismäßig kleinen Reiche? Was wissen wir heute über Alltag und Lebensumstände von Männern und Frauen am Hof? Dank der zahlreichen archäologischen Ausgrabungen in den einstigen Hauptstädten Samaria und Jerusalem können wir ein wenig Licht in diese Welt bringen.
Der König war in den Kleinstaaten des Alten Orients wichtig für die Bevölkerung, die ihn aber auch ernähren musste. Auch in Israel und Juda blickten Menschen auf den Palast und hatten selbstverständlich Erwartungen an den, der hinter den Mauern regierte. Ein immer auch kritischer Blick auf die inneren Abläufe am Hof spricht bis heute aus den Schriften des Alten Testaments – von Propheten und der Bevölkerung. Können wir einen Blick hinter die Kulissen werfen?
Wie der Palast in Jerusalem aussah
Wo einst der Palast des Königreichs von Jerusalem gestanden hat – im Bereich des heutigen Haram esch-Scharif, des einstigen Tempelplatzes –, darf nicht ausgegraben werden. So können wir den Palastbau in Jerusalem, die Residenz der judäischen Könige, nur aufgrund des biblischen Textes in 1 Kön 7,1-12 rekonstruieren. Hier wird zwar der Palast beschrieben, den Salomo gebaut haben soll, doch auch wenn es immer wieder Um- und Anbauten gegeben haben wird, bestand dieser Palast offenbar während der gesamten Königszeit. Nach dem biblischen Text bestand er aus mehreren Einzelteilen:
• dem „Libanonwaldhaus“ (100 x 50 x 30 Ellen = ca. 50 x 25 x 15 m),
• einer Säulenhalle (50 x 30 Ellen),
• der Thronhalle = Gerichtshalle,
• dem Wohnpalast des Königs,
• dem Palast der „Pharaonentochter, die Salomo geheiratet hatte“ (wohl ein eigenständiges Gebäude).
Allerdings ist der hebräische Text nicht ganz einfach zu übersetzen, da sich hier einige Fachbegriffe finden. Lässt man den Königinnenpalast zunächst einmal unberücksichtigt, so handelt es sich um vier einzelne Bauteile, deren Zusammengehörigkeit unklar ist. Die Vierteilung erinnert jedoch stark an ägyptische Paläste (Palast des Merenptah in Memphis). Die nahezu identische Reihenfolge der Räumlichkeiten in Jerusalem und Memphis legt es nahe, dass der Jerusalemer Palast eine Adaption des Grundrisses ägyptischer Königspaläste war. Das Libanonwaldhaus, dem biblischen Text zufolge der größte Raum, entspricht dem Hof, es folgen eine Säulenhalle, der Thronsaal und die Privaträume. Über das Libanonwaldhaus im Jerusalemer Palast und seine Gestaltung wurde im Lauf der Forschungsgeschichte am meisten nachgedacht. Der Text ist sprachlich höchst kompliziert und wird in den Übersetzungen meist stark abgeändert: „Er baute das Libanonwaldhaus … auf vier Reihen von Zedernsäulen, und Querbalken aus Zedernholz waren auf den Säulen, und das Dachstützwerk aus Zedernholz war oben auf den Rippen (Querbalken), die auf den Säulen waren, (insgesamt) 45, 15 pro Reihe, Rahmen in drei Reihen, Lichtöffnung gegenüber Lichtöffnung, dreimal (nebeneinander).“ Demnach gab es vier Säulenreihen; das Dach wurde aber von drei nebeneinanderliegenden Dachkonstruktionen getragen. Im Vergleich mit den ägyptischen Vorbildern, bei denen der Hof offen war, gab es in Jerusalem ein Dach, weil es hier häufiger regnete als in Ägypten. Während in Ägypten Steinsäulen mit Kapitellen in einer Lotos- oder Papyrusgestalt verwendet wurden, nahmen die Architekten in Jerusalem mit der Verwendung von Zedern aus dem Libanon eine klare Anlehnung an die levantinische Welt vor. Wer diesen Raum durchschritt, fühlte sich wie in einem Zedernwald. Das „Libanonwaldhaus“ war offenkundig der Raum des Palastbezirks mit den höchsten Wänden, weshalb die Höhe von 15 m ausdrücklich vermerkt wurde. In Ägypten hatte der Palast eine glatte Außenfront. Daher dürften in Jerusalem mit den 50 Ellen der Säulenhalle die Breite und nicht die Tiefe gemeint sein. Für den Thronraum und die Privatgemächer sind keine Größenangaben mehr genannt, doch dürfte die Breite weiterhin 50 Ellen gewesen sein. Die Privatgemächer waren in Ägypten relativ klein, und dies dürfte auch auf Jerusalem zutreffen. Ziel des gesamten Palastbaus, der über 100 m lang und 25 m breit war, war die Machtpräsentation. Wie wir uns den Thron der Könige vorstellen können, die in Jerusalem bis 586 vC residierten, dafür gibt es leider keine wirklich überzeugenden archäologischen Parallelen.
Und in Samaria?
Über den Palast in Samaria sind wir durch archäologische Quellen etwas besser informiert. Die dortige Palastanlage wurde von König Omri und seinen Nachfolgern im 9. und 8. Jh. vC mehrfach umgebaut, wie die Ausgrabungen deutlich zeigen. Die eisenzeitliche Palastanlage ist von einer großen Kasemattenmauer umgeben, in deren Bereich mehrere Bauten gefunden wurden. Im Westen gab es Schreiberkammern für die königliche Verwaltung; hier wurden einige beschriftete Tonscherben gefunden. Der eigentliche Palast befand sich wohl unmittelbar östlich davon. Es war in der damaligen Zeit typisch, derartige Paläste mit einem ebenerdigen Stockwerk zu versehen, das vermutlich als Lagerraum genutzt wurde. Die eigentlichen, nicht mehr erhaltenen Wohn- und Repräsentationsräume lagen dagegen im 1. Stock. So bekam der Palast ein massives Aussehen und war höher. Über dem zentralen großen quadratischen Raum dürfte daher im 1. Stockwerk der Thronraum gelegen haben. Die anderen Räume seitlich davon wurden wohl für Wohnzwecke genutzt. Möglicherweise war der Thronraum aber auch im Bereich eines ebenfalls mit einer Kasemattenmauer umgebenen Gebäudekomplexes im Inneren des Hofes. Dort fand man eine Vielzahl geschnitzter phönizischer Elfenbeine, die ein interessantes Beispiel für die Ausgestaltung von Prunk- und Thronräumen dieser Epoche sind. Ganz ähnliche Elfenbeine wurden z. B. auch in assyrischen Palästen gefunden. Der Prophet Amos wetterte gegen derartigen Luxus (Amos 3,15; 6,4). Wenn Amos von Elfenbeinhäusern spricht, so waren sie nicht aus Elfenbein gebaut, sondern im Inneren mit Elfenbeinschnitzereien an den Wänden oder an Möbeln verziert.
Eine Sommerresidenz in Jesreel
Die israelitischen Könige besaßen zudem eine Art Sommerresidenz in Jesreel. Auch hier hat man Ausgrabungen durchgeführt, aber bislang nur die Umfassungsmauern gefunden. Sicherlich gab es auch Wohnbauten, doch bestand der größte Teil der Palastanlage wohl aus einer offenen Hofanlage für Streitwagen und die zugehörigen Pferde. Die Jesreelebene ist ideal für kriegerische Auseinandersetzungen mit Streitwagen.
Die Versorgung des Königshauses
In 1Sam 8,10-18 wird davon berichtet, dass das Königshaus von den Bewohnern des Landes mitversorgt werden musste, die daher entsprechende Abgaben zu zahlen hatten. Wie dies konkret aussah, vermitteln uns zumindest für eine kurze Epoche in der 1. Hälfte des 8. Jh. vC (wohl Zeit Jerobeams II., 787–747 vC) 102 Inschriftenfunde aus Samaria. Diese auf den ersten Blick wenig aussagekräftigen Verwaltungstexte, eine Art Lieferscheine, haben jeweils ein gleiches Formular. Vermutlich dienten die dokumentierten Lebensmittel (Wein oder Öl) der Versorgung des Königshauses. Aus den Herkunftsangaben ist zu schließen, dass die Lieferanten alle aus einem Umkreis von etwa 20 km um den Palast stammten.
Frauen am Königshof
Berühmt sind die angeblich 700 Frauen und 300 Nebenfrauen des Salomo (1Kön 11,3) – eine maßlos übertriebene Zahl, die die Bedeutung des Königs verherrlichen wollte. Etwas realistischer sind die mindestens acht Frauen Davids (namentlich genannt Achinoam, Abigail, Maacha, Haggit, Abital, Egla, Michal, Batseba sowie weitere namenlose Frauen). Hochzeiten mit den Töchtern einflussreicher Männer dienten dem Aufbau der Machtstrukturen Davids. In späterer Zeit wird es weniger Königsgattinnen gegeben haben. Ob die Angaben der Chronik stimmen, wonach Rehabeam 18 Frauen und 60 Nebenfrauen hatte (2Chr 11,21) und Abija 14 Frauen (2Chr 13,21), kann durchaus bezweifelt werden. Nur selten erfahren wir bei den späteren Königen von mehreren Frauen (jeweils zwei Frauen des Joasch in 2Chr 24,3 und des Joschija in 2Kön 23,31.36). Trotzdem scheinen mehrere Königsfrauen auch in späterer Zeit noch normal gewesen zu sein (Dtn 17,17). Eine besondere Rolle scheint – wie übrigens auch am ägyptischen Königshaus – in Jerusalem die Königinmutter gespielt zu haben. Im Gegensatz zum Nordreich Israel werden bei den Thronbesteigungsnotizen des Südreichs Juda fast alle Mütter der Könige genannt, etwa Amazjas Mutter Joaddan, Asarjas Mutter Jecholja, Hiskijas Mutter Abi, Joschafats Mutter Asuba, Josias Mutter Jedida ... Die Königinmutter war wohl enge Beraterin des Königs und genoss daher hohes Ansehen.
Das königliche Personal
Die Beamtenschaft um den König herum war anfangs relativ klein und wurde erst im Laufe der Zeit weiter ausgebaut. Die personelle Ausstattung des Königshauses mit Beamten war – abgesehen vom Heer – geringer als in mancher heutigen Dorfverwaltung. Der Palast hatte in vorexilischer Zeit architektonisch neben dem Tempel eine herausragende Stellung inne, das Königshaus und der Beamtenapparat waren aber zahlenmäßig sehr beschränkt. Zum engsten Stab um den König gehörten nur wenige „Minister“. Eine wichtige Rolle spielte der Kanzler, wohl eine Art Chefsekretär, der sich um den ordnungsgemäßen Ablauf der Staatsgeschäfte kümmerte. Palastvorsteher waren für die Instandhaltung des Palastes zuständig und eine Art besserer Hausmeister. Die Zahl der Schreiber entwickelte sich im Laufe der Zeit rasant. Sowohl in Hazor als auch in Samaria sind im 9. Jh. v.C bereits jeweils sechs Schreiberkammern mit wohl ebenso vielen Schreibern archäologisch belegt. Den Schreibern unterstand vor allem die komplette Verwaltung – z. B. Annahme und Registrierung von Abgaben an den Palast – und die Abwicklung des Schriftverkehrs. Die zahlreichen Bullen, also Siegelabdrücke, die wir inzwischen vor allem aus Jerusalem kennen, belegen einen intensiven Schriftverkehr. Die zugehörigen Papyri, die gefaltet, mit einer Schnur umwickelt und dann gesiegelt wurden, haben sich aber leider nicht erhalten. Allerdings konnten nur vielleicht 5 % der Bevölkerung lesen und schreiben. Hierzu gehören nahezu ausschließlich neben den Schreibern und den Priestern die Soldaten. Zu den Aufgaben der Schreiber wird auch eine Art „Geheimdienst“ gehört haben: Diplomaten und Händler wurden ausgefragt, um aktuelle Nachrichten über die Ereignisse in den Nachbarländern zu erhalten. Diese wurden wohl schriftlich festgehalten, um darauf jederzeit zurückgreifen zu können.
Eine wichtige Position hatte auch der Oberaufseher der Fronarbeit, vielleicht mit einem heutigen Finanzminister vergleichbar. Da es noch keine Steuern gab (als einmalige Steuer ist erstmals unter König Menahem von Israel eine Abgabe von 50 Silberschekeln für eine Tributzahlung an die Assyrer belegt, vgl. 2Kön 15,20), war es notwendig, den pflichtmäßigen Arbeitseinsatz der Bevölkerung für das Gemeinwohl in den Städten zu organisieren. Hierzu gehörten z. B. Bauaktivitäten an Mauern und andere Infrastrukturmaßnahmen, aber auch an den lokalen Palästen für die Stadtobersten. Der Großteil der Verwaltung geschah offenbar dezentral in den einzelnen Orten und wurde weitgehend von den Ortsältesten geleistet. Das Königshaus hatte damit nichts zu tun. Trotzdem sollte das Reich auch kontrolliert werden. Für die Kleinstaaten Israel und Juda war es daher sinnvoll, an zentralen und größeren Orten Stadtoberste einzusetzen, die das regionale Geschehen im Auftrag des Königs zu überwachen hatten. Paläste dieser Stadtobersten sind z. B. aus Hazor, Megiddo, Tirza oder Jericho bekannt. Eine wichtige Aufgabe hatte das Heer inne. Neben dem Amt des Heerführers wurden im Nord- und Südreich zusätzlich Anführer über 50 bzw. 100 Infanteristen sowie über die Streitwagen eingeführt. Eine wichtige Aufgabe hatten die „Läufer“, die nach der Reichsteilung die Leibwache des Königs bildeten. Der Name rührt wohl daher, dass sie mit dem Wagen des Königs mitliefen, wenn er auf dem Streitwagen unterwegs war.
König und Tempel – kein unproblematisches Verhältnis
Das Verhältnis zwischen Königshaus und Tempel war nicht unproblematisch. Einerseits wurde der aktuelle König als Stellvertreter Gottes verstanden. Er war von Gott eingesetzt, nach Ps 2,7 wurde er sogar als Sohn Gottes verstanden. Er hatte im Sinne Gottes zu regieren, er sollte die göttlichen Vorstellungen realisieren. Aus diesem Grund war auch das Heer so wichtig. Der äußere Schutz des Reiches wurde mit dem Schutz Gottes für sein Volk gleichgesetzt. Innenpolitisch war es Aufgabe des Königs, den Kult und damit die Gottesverehrung aufrechtzuerhalten. Dies implizierte Gaben an den Tempel und regelmäßige Baumaßnahmen zur Aufrechterhaltung des Kultes. Nur wenn die Verehrung Gottes in einer angemessenen Weise durchgeführt werden konnte, konnte Gott auch seinen Segen auf das Land legen. Der König stand somit in göttlicher Verantwortung und hatte den göttlichen Ansprüchen zu genügen. Dies erforderte eine enge Verbindung zum Wohnort Gottes, also zum Tempel. Andererseits scheinen die Tempelpriester auch bemüht gewesen zu sein, möglichst unabhängig vom König zu agieren. Nach 2 Kön 11,2-6 wurde der Knabe Joasch sechs Jahre im Tempel versteckt, ohne dass das benachbarte Königshaus dies wahrnahm. Dies war wohl nur möglich, wenn weder der König noch sein Heer freien Zutritt zum Tempel hatten. Neue Installationen im Tempelbereich konnten zwar vom König in Auftrag gegeben werden, wurden aber vom Hohepriester umgesetzt (vgl. 2Kön 16,10-11, wo Ahas dem Priester Urija anordnet, einen Altar zu bauen). Wohl deshalb entzogen sich die Könige ihrer Verantwortung, für die Instandhaltung des Tempels zu sorgen: Reparaturmaßnahmen am Tempel sollten ab König Joasch aus den freiwilligen Gaben, die für den Tempel geopfert wurden, bezahlt werden (2Kön 12,5-13; 22,4-7). Lediglich den Auftrag für die Baumaßnahmen vergab noch der König. Für die Beschaffung der Finanzen war der Tempel selbst zuständig.
Ausblick
Wer sich die Könige Judas und Israels ähnlich wie diejenigen in Märchen vorstellt, hat ein falsches Bild vom damaligen Königtum. Zwar bildeten der König und seine Minister eine Elite im Lande, der es relativ gut ging. Sie erhielten Abgaben und konnten ihr Leben sicherlich angenehmer gestalten als die normale Bevölkerung. Trotzdem war diese Elite zahlenmäßig klein, und die Abgaben an das Königshaus sollten auch die gesamte Beamtenschaft und das Heer mitversorgen. Ohnehin war die Zahl der Untergebenen nicht allzu groß: Im 8. Jh. vor der assyrischen Eroberung lebten nach zuverlässigen Schätzungen vielleicht 300.000 Menschen in Israel. Die wesentlichen Aufgaben des Königs waren letztendlich Managementaufgaben:
• Er hatte außenpolitisch für gute diplomatische Beziehungen zu sorgen und gegebenenfalls in Kriegszeiten auch die militärische Unterstützung durch befreundete Länder sicherzustellen;
• er musste innenpolitisch für Infrastrukturmaßnahmen sorgen, damit das Leben der Bevölkerung sich entwickeln konnte;
• er musste durch sein Heer für Ruhe, Ordnung und sichere Handelswege sorgen, aber auch gleichzeitig die Finanzierung des Heeres, das teilweise durch Söldner gestellt wurde, gewährleisten;
• er musste sich um ein gutes Gottesverhältnis kümmern, um irdischer Statthalter Gottes zu sein.
All dies realisierten die biblischen Könige mal besser, mal schlechter. Nur wenige erreichten in den Augen ihrer Zeitgenossen diese hochgesteckten Ziele, was immer wieder zu Kritik der Propheten führte, aber sicherlich auch weiter Kreise der Bevölkerung.
[Prof. Dr. Wolfgang Zwickel ist Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Universität Mainz]



