Der König als Schüler der Tora
05.08.2026 Joschijas Reform und das Deuteronomium
Joschija wird als ein Ausnahmekönig geschildert. Denn im Tempel soll unter seiner Herrschaft ein Gesetzbuch aufgefunden worden sein, an das er sich akribisch hält: Er setzt eine radikale Reform des Kults in Juda in Gang. An Joschija wird die Verpflichtung des Volkes auf die Tora gezeigt – und er selbst wird zum Symbol für das Versagen der Könige.
Nach der Vorschrift des Königsgesetzes im Buch Deuteronomium besteht die vornehmste Aufgabe des Königs in der kontinuierlichen, meditierenden Lektüre der Tora des Mose. Ihr Studium gilt ihm als Richtschnur für sein herrschaftliches Handeln, sodass seiner Regentschaft Dauer und Beständigkeit beschieden sind (Dtn 17,18-20). Vor diesem Hintergrund haben der Bericht über die Entdeckung eines ,Gesetzbuchs‘ unter König Joschija, dessen eidliche Verpflichtung, den darin niedergelegten Ordnungen und Geboten Folge zu leisten, und die daraus resultierende Reorganisation der öffentlichen Religionspraxis in Juda in 2Kön 22–23 stets besondere Aufmerksamkeit gefunden. Welches Buch ist genau gemeint? Woher kommt es? Welche Autorität besitzt es?
Joschija hat das Buch nahe am Herzen
Die Antworten, die das biblische Narrativ auf diese Fragen gibt, scheinen auf den ersten Blick eindeutig: Formal wird das Buch in der Erzählung als schriftliche Tora (2Kön 22,8.11 „Buch der Weisung“) bzw. als Vertragsurkunde (2Kön 23,2.21 „Bundesbuch“) näher bestimmt. Gleichzeitig stellt der Erzähler summarisch fest, dass Joschija als Einziger unter den davidischen Königen die ,Tora des Mose‘ uneingeschränkt befolgt habe: „Es gab vor ihm keinen König, der so mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all seinen Kräften zum Herrn umkehrte und so getreu die Tora des Mose befolgte, und auch nach ihm war keiner wie er“ (2Kön 23,25). Sowohl der Ausdruck ,Tora des Mose‘ als auch der erzählerische Rückgriff auf das Schǝma‘ Israel (Dtn 6,4f: „Höre Israel! Der Herr unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“) bei der Königsbewertung signalisieren, dass König Joschija der Forderung des Königsgesetzes im Deuteronomium in vorbildlicher Weise nachgekommen ist. Das legt den Schluss nahe, dass das ,Gesetzbuch‘ in der erzählten Welt mit der Tora des Mose („deuteronomisches Gesetz“) gleichzusetzen ist. Damit wären auch die Fragen nach seiner Herkunft und Autorität geklärt. Die Umstände seiner Auffindung im Tempelbezirk bleiben jedoch rätselhaft. Unter der Voraussetzung, dass das Buch, wie von Mose angeordnet, in der Bundeslade aufbewahrt worden wäre (Dtn 31,24-27), hätte es mit dieser bei der Weihe des Jerusalemer Tempels von Salomo ins Allerheiligste verbracht worden sein müssen, doch hält der Bericht in 1Kön 8,6-9 ausdrücklich fest, dass sich in der Lade lediglich die steinernen Tafeln befanden, die Mose am Gottesberg angefertigt hatte (Dtn 5,22; 10,1-5). Der Aufbewahrungsort der Mosetora ist damit nicht weniger unklar als der Umstand, dass ihr Inhalt dem König völlig unbekannt zu sein scheint, obwohl Mose die levitischen Priester beauftragt hatte, sie alle sieben Jahre am Laubhüttenfest öffentlich bekannt zu machen (Dtn 31,9-13). Die Erzählung von ihrer Entdeckung weiß nur zu berichten, dass sie im Tempelbezirk aufgefunden wurde, ohne dass über die Umstände Näheres mitgeteilt würde. Die Übergabe des Schriftstücks an Schafan, einen hohen Beamten am Hof Joschijas, erfolgt zwar, als jener im Tempelbezirk weilt, um notwendige Restaurierungsarbeiten in Auftrag zu geben, deren Durchführung steht jedoch aus (2Kön 22,3-7). Von Bauarbeiten im Tempel, bei denen das Buch zufällig zutage getreten sei, ist im biblischen Narrativ nirgends die Rede. Der Parallelbericht der Chronik erweckt den Anschein, das Buch sei bei der Entleerung des ,Opferstocks‘ entdeckt worden, in den die Weihegaben für das Heiligtum eingelegt wurden (2Chr 34,14f). Doch dürfte sich diese Vorstellung dem Bemühen des Chronisten verdanken, aus den vagen Angaben seiner Vorlage im zweiten Königsbuch einen kohärenten Handlungsverlauf zu rekonstruieren. Bei genauerer Lektüre stellt sich vielmehr der Eindruck ein, die näheren Umstände der Auffindung des Buches werden vom Erzähler absichtlich verschwiegen oder waren ihm unbekannt. Es kommt einzig darauf an, dass das ,Gesetzbuch‘ im Heiligtumsbezirk ,entdeckt‘ wird, um ihm eine besondere Würde als schriftliche Sammlung der normativen Toraauslegung des Mose zu verleihen.
Ähnlichkeiten in den Nachbarkulturen der Bibel
Ähnliche Berichte über die Entdeckung literarischer Dokumente, die als autoritative Überlieferung einer früheren Epoche stilisiert sind, sind beispielsweise aus Ägypten bekannt. Solche Auffindungslegenden dienen vorrangig dem Zweck, den Inhalt der ,wiederentdeckten‘ Schrift als altehrwürdige Tradition zu erweisen und ihren Geltungsanspruch zu begründen (sogenannter Altersbeweis). Die Erzählung in Kön 22–23 spiegelt das gleiche Interesse wider, insofern das ,Gesetzbuch‘ nun zur normativen Vertragsurkunde erhoben wird, auf die sich der König und das Volk verpflichten. Die Königsbücher stimmen hier mit dem Selbstverständnis des Deuteronomiums überein: So, wie Mose es in seiner Toraauslegung bestimmt hat, soll die kultische Praxis des Gottesvolkes aussehen und daran wird sich dessen künftiges Geschick bemessen. Die Auffindungslegende unterstützt also den Anspruch der deuteronomischen Tora: Diese innovative Torainterpretation ist die ursprüngliche und richtige Torapraxis.
Der rätselhafte Inhalt des Buchs
Was war in dem Buch, das der Priester Hilkija entdeckt hatte, zu lesen? Diese Frage mag überflüssig anmuten, da alle Hinweise in der Erzählung ja die Tora des Mose anzielen. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass über den Inhalt des ,Gesetzbuchs‘ nur wenig mitgeteilt wird. Die Menschen der erzählten Welt, denen der Wortlaut des Buches vorgelesen wird, wissen mehr darüber als die Leserinnen und Leser, die zunächst nur aus der Reaktion der Protagonisten auf den Inhalt des Buches schließen können. Als ,Tora/ Weisung‘ regelt es Fragen der legitimen Kultpraxis, über die einzelnen Bestimmungen oder Ordnungen werden die Adressaten jedoch im Unklaren gelassen. Joschija reagiert auf die Verlesung der Tora mit dem Einreißen seines Obergewands als Zeichen der Selbstminderung in einer kollektiven Notsituation – und gesucht um prophetische Fürbitte angesichts des göttlichen Zorns, der gegen Juda und Jerusalem entbrannt ist (2Kön 22,11-13). Das setzt voraus, dass die in der „Tora des Mose“ geforderte Kultpraxis zu seiner Zeit eben gerade nicht befolgt wurde. Wenn der König sich anschließend verpflichtet, die Toraauslegung des ,Gesetzbuchs‘ zu beachten, und die bestehende Kultpraxis radikal umgestaltet (vgl. Reformkatalog in 2Kön 23,4-20), folgt die Neuorganisation der öffentlichen Religionsausübung scheinbar den Regelungen der deuteronomischen Tora. Daher ist mehrfach der Versuch unternommen worden, die berichteten Kultbeseitigungsmaßnahmen im sogenannten Reformbericht mit einzelnen Anweisungen des Deuteronomiums zu korrelieren. Dabei treten jedoch Unstimmigkeiten zutage, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob das Deuteronomium wirklich als Blaupause der Kultreform des Königs Joschija gedient hat. Zwar bestehen Gemeinsamkeiten, beide zielen auf eine Alleinverehrung JHWHs (Monolatrie) und eine Konzentration des Kultes an einem Heiligtum ab, die königlichen Reformen im Einzelnen weichen aber erkennbar von den Vorschriften der deuteronomischen Tora ab. Das kann beispielhaft am wohl bekanntesten Reformakt, der Kultzentralisation, illustriert werden. Im vermutlich ältesten Textbestand des deuteronomischen Zentralisationsgesetzes wurde lediglich die Zentralisation des Brandopfers gefordert (Dtn 12,13-16), das einzig an dem Ort dargebracht werden soll, „den Gott erwählen wird“, womit in der Diktion des Deuteronomiums der Tempel in Jerusalem gemeint ist. Diese Bestimmung wurde später mehrfach erweitert und kommentiert und wird in ihrer kanonischen Form durch eine Aufforderung zu Zerstörung der ,kanaanäischen‘ Heiligtümer im Kulturland eingeleitet, an denen ,Israel‘ nicht opfern soll (vgl. Dtn 12,1-3). Von König Joschija wird dagegen berichtet, dass er die JHWHPriester aus den judäischen Städten in Jerusalem zusammengezogen und die dortigen Heiligtümer unrein, d. h. kultisch unbrauchbar, gemacht hat. Beide Texte konvergieren darin, dass der Opferkult künftig auf den Jerusalemer Tempel beschränkt wird, die Art und Weise, wie dies erreicht wird, variiert jedoch erheblich. Weder ist davon die Rede, dass Joschija die judäischen Kultstätten gewaltsam zerstört, noch sieht das Deuteronomium eine Übersiedlung der dort amtierenden Priesterschaft nach Jerusalem vor. Indem der König die lokalen Heiligtümer profaniert und ihre Priesterschaft abzieht, macht er ihre Weiternutzung unmöglich und kommt damit einer programmatischen Forderung der Geschichtstheologie der Königsbücher nach.
Kannte Joschija wirklich ein „Deuteronomium“?
Diese eigentümliche Widersprüchlichkeit zwischen der deuteronomischen „Tora des Mose“ und dem Reformkatalog in 2Kön 23,4-20 ließe sich für eine Reihe weiterer Maßnahmen des Königs zeigen (z. B. für die Beseitigung der Aschera oder des Gestirnskults). Dieser Befund ist vielleicht dadurch zu erklären, dass die Kreise am Hof Joschijas, die der Reformpartei angehörten und in der erzählten Welt durch den Priester Hilkija und den Schreiber Schafan repräsentiert werden, den Trägergruppen des Deuteronomiums geistig nahestanden. So haben diese später die Erzählung über die Kultreform des Königs als Umsetzung der deuteronomischen Tora stilisiert und Joschija als vorbildlichen Schüler der Tora porträtiert, der das deuteronomische Königsgesetz befolgt und auf diese Weise „die Tage seiner Herrschaft verlängert“ (Dtn 17,20; 2Kön 22,18-20!). Das Deuteronomium – ganz gleich in welchem textlichen Umfang – war daher kaum der ursprüngliche Programmtext der joschijanischen Kultreform, sondern ist dazu erst in der kollektiven Erinnerung ,Israels‘ geworden. Ob die Reformpartei überhaupt auf eine literarische Vorlage zurückgegriffen hat oder ob der sogenannte Fundbericht sich rein legendarischem Interesse verdankt, ist kaum mehr sicher zu entscheiden, doch spricht manches für letztere Option. Die joschijanische Kultreform hat ihre volle Wirkung erst gefunden, nachdem sie ihre literarische Gestalt im zweiten Königsbuch erhalten hatte. Nur als solchermaßen erinnerte und gedeutete Geschichte ist die Reform zum Modellfall eines torakonformen JHWH-Kults geworden, der sich am Maßstab der Tora des Mose orientiert. Gleiches gilt für den König selbst, den Protagonisten der Erzählung, der vor allem als literarische Figur zum idealen Herrscher aufstieg, der als Einziger unter den Davididen dem Anspruch des deuteronomischen Königsgesetzes genügt und seine religionspolitische Agenda an der ,Tora des Mose‘ orientiert hat. Wenn Joschija in der späteren christlichen Kunst als der König mit dem Buch in der Hand dargestellt wird, dann spiegelt sich darin genau dieses narrative Konzept wider, in dem der König als paradigmatischer Schüler und Leser der Tora vorgestellt wird. Dem judäischen König des 7. Jh. vC mag dieses Bild nicht gerecht werden, der biblischen Erinnerungsfigur entspricht es allemal.
[Prof. Dr. Michael Pietsch ist Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Augustana in Neuendettelsau]




