Die Suche nach dem historischen Jesus
03.02.2026 Gute Gründe, gerade den biographischen Berichten der Bibel zu vertrauen
Der Zweifel an der Historizität Jesu ist oft größer als bei jeder anderen Person der Antike. Dabei gibt es gute Gründe, gerade den biographischen Berichten der Bibel zu vertrauen, denn derartige Texte über eine historische Gestalt sind einmalig in der Antike.
Gallien ist als Ganzes in drei Teile geteilt. So lernen es Lateinschüler seit 2.000 Jahren in Cäsars „Gallischem Krieg“. Aber was wissen wir eigentlich wirklich über Julius Cäsar (100–44 vC) und seine angeblichen Taten? Natürlich, wir haben seine Kommentare über den Gallischen Krieg und den Römischen Bürgerkrieg: Aber wie objektiv können diese Schriften realistisch betrachtet sein? Immerhin hat Cäsar sie selbst geschrieben. Da wird er doch an jeder Ecke beschönigt und gelogen haben. Außerdem liegen die Originale nicht vor, nur Abschriften, die 1.000 Jahre später angefertigt wurden. Dann gibt es noch die Kaiserviten des Schriftstellers Sueton, aber Cäsar war schon über 100 Jahre tot, als Sueton geboren wurde. Und über Sueton selbst wissen wir nicht allzu viel. Der griechische Schriftsteller Plutarch schreibt zwar auch etwas über Cäsar, aber ebenfalls mit mehr als 100 Jahren Abstand. Die einzigen zeitgenössischen Quellen über den angeblichen Politiker und Feldherrn wären damit die Briefe und Reden des römischen Staatsmanns Cicero (106–43 vC). Diese sind aber zum Teil nur lückenhaft oder in Bruchstücken erhalten. Dazu kommt natürlich, dass die Originalmanuskripte sämtlich verloren sind. Die ältesten Abschriften, die uns vorliegen, datieren zwischen 500 und 1.000 Jahren nach der Abfassung. Einige verstreute Inschriften und Münzen mit Cäsars Bild gibt es auch noch: Aber was lässt sich darauf stützen? Die Bilder unterscheiden sich teils deutlich, Datierung und Herkunft sind unsicher. Womöglich wurden sie von späteren Herrschern zur Absicherung ihres Machtanspruchs angefertigt. Was wir also wirklich sicher über Cäsar wissen können, ist: nichts.
Wunschbilder als Forschungsergebnisse
In ähnlicher Weise behandeln viele Theologen die historischen Quellen über Jesus: „Wir besitzen keine Quellen für ein Leben Jesu, welche ein Geschichtsforscher als zuverlässige und ausreichende gelten lassen kann. Ich betone: für eine Biografie Jesu von Nazareth nach dem Maßstabe heutiger geschichtlicher Wissenschaft.“ So charakterisierte Martin Kähler 1896 in seinem Vortrag „Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus“ den Ansatz der Leben-Jesu-Forschung. Vertreter dieser Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Forschungsrichtung misstrauten den biblischen Quellen und versuchten, den Jesus, sondern auch über alle anderen Menschen der Antike fast nichts sicher sagen könnte. Denn die Quellenlage über Jesus ist nicht schlechter, sondern im Gegenteil deutlich besser als diejenige in Bezug auf andere historische Personen und Ereignisse. Sinnvollerweise sollte man die Quellen über Jesus daher so bewerten, wie man das auch mit anderen historischen Quellen tut. Historiker beurteilen solche Quellen anhand mehrerer Kriterien auf ihre Zuverlässigkeit. Ganz wesentlich ist dabei natürlich das Alter der Quelle. Ältere Quellen und Nachweise haben in aller Regel einen größeren Wert als jüngere Quellen – zumal dann, wenn es Indizien dafür gibt, dass diese Quellen auf Augenzeugen zurückgehen. Die mehrfache Bezeugung eines Ereignisses ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass es sich tatsächlich ereignet hat. Der Historiker Paul Maier (1930–2025) schreibt dazu: „Viele antike Ereignisse werden nur von einer einzigen Quelle bezeugt. Zwei oder drei übereinstimmende Quellen machen ein Faktum normalerweise unanfechtbar.“ Ebenfalls wichtig bei der Beurteilung des Werts einer Quelle sind inhaltliche und sprachliche Hinweise, die den Ursprung der Quelle plausibel machen. Werden zum Beispiel originalsprachliche Ausdrücke und Redewendungen gebraucht, die für die angenommene Zeit der Entstehung typisch waren? Wie sieht es mit Orts- und Personennamen aus? Passen geschilderte Traditionen sowie politische und religiöse Gegebenheiten zum mutmaßlichen Ursprungsgebiet der Quelle? Und wenn es um den Inhalt geht: Wie realistisch sind die Darstellungen? Ein Indiz für wahrheitsgemäße Schilderungen kann sein, wenn die Autoren sich selbst oder die von ihnen verehrten Personen in einem ungünstigen Licht schildern. Wenn Cäsar beispielsweise von der Schlacht um Gergovia berichtet, der Hauptstadt der gallischen Averner, und dabei eine peinliche Niederlage der Römer notiert, stärkt das aus Sicht eines Historikers die Glaubwürdigkeit seines Berichts über den Gallischen Krieg. Es zeigt, dass der Autor bereit ist, die Wahrheit zu schildern, auch wenn sie nicht schmeichelhaft ausfällt. Gleiches gilt, wenn eine Person von ihrem Gegner in einem positiven Licht dargestellt wird. Cäsar beispielsweise schildert den gallischen Anführer Vercingetorix zwar als rücksichtslose, aber auch als charismatische Person mit strategischem Geschick.
Zeitnah dokumentiert, ohne Schönfärberei
Prüft man die Schriften des Neuen Testaments anhand dieser Kriterien, schneiden sie im Hinblick auf ihren historischen Wert sehr gut ab. Sie sind nämlich äußerst zeitnah zu den Ereignissen verfasst worden. Die Paulusbriefe etwa sind auch nach Meinung kritischer Forscher im Zeitraum zwischen 48-61 nC entstanden – und damit nur zirka 15 bis 30 Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Zum Teil enthalten sie aber auch Material aus noch früherer Zeit. Die in der Apostelgeschichte überlieferten Zusammenfassungen von Predigten der Apostel gehen auf die Jahre 33 bis 40 zurück. Jedenfalls die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) lagen spätestens in den 60er Jahren vor – auch wenn heute zum Teil unrealistisch späte Abfassungszeiten (80–90 nC) vorgeschlagen werden. Selbst dann aber wären sie immer noch zeitnah verfasst worden. Leben und Sterben des Jesus von Nazareth und vor allem seine Auferstehung sind damit auch mehrfach bezeugt. Derart viele zeitnahe biografische Texte über eine historische Gestalt sind einmalig in der Antike (Wir erinnern uns: Sueton schrieb erst 100 Jahre nach Cäsars Tod).
Dabei nehmen die Verfasser für sich in Anspruch, Augenzeugen des Geschehenen gewesen zu sein (Joh 21,24; Gal 1,16; 2Petr 1,16) – was zusätzlich durch den Inhalt plausibel gemacht wird. Die Evangelien beinhalten zahlreiche Hinweise, die zu Zeit und Ort der Entstehung passen. So verwenden die Autoren aramäische Ausdrücke wie „Mammon“ (Mt 6,24), „Ephata“ (Mk 7,34) oder „Rabbuni“ (Joh 20,16). Die geografischen und soziologischen Details stimmen ebenfalls. Ortsnamen (z. B. Arimathäa, Bethanien, Bethphage), Angaben zum Wetter (Sturm auf dem See Genezareth) oder zur Natur (Maulbeerfeigenbäume) oder zum geltenden Recht („Korban“ als Alternative für das Ehren der Eltern, Mk 7,11) – diese Angaben können verifiziert werden. Sie zeigen, dass die Autoren wussten, wovon sie sprachen. Dabei berichten sie auch häufiger kritische und peinliche Dinge – zum Beispiel, dass Jesu Angehörige meinen, er sei „von Sinnen“ (Mk 3,21) und nicht einmal seine Brüder an ihn glaubten. Auch die Jünger selbst schneiden oft nicht gut ab: Sie verstehen Jesus nicht und werden von ihm ermahnt (Mk 9,32–33). Petrus wird sogar als „Satan“ (Mk 8,33) bezeichnet, und manche Jünger zweifeln selbst nach der Auferstehung Jesu (Mt 28,17). Hier wird nicht schöngefärbt, hier wird realistisch berichtet.
Die Suche ist beendet
Zusätzliche Glaubhaftigkeit gewinnen die biografischen Berichte dadurch, dass nicht einmal die Gegner der Christen leugneten, dass Jesus Wunder getan hat. Außerbiblische Quellen bis hin zum Koran stimmen darin überein, auch wenn sie mitunter den negativen Begriff der Zauberei verwenden. Insgesamt gibt es daher gute Gründe, die Suche nach dem historischen Jesus für beendet zu erklären. Wir finden ihn nämlich in den Schriften des Neuen Testaments, die beispiellos gut überliefert sind und jeden Echtheitstest, den Historiker durchführen können, mit Bravour bestehen.




