Digitaler Kontrollstaat
Wie China Christen überwacht
Wie frei ist der Glaube in einem Staat, der alles kontrolliert? Welcher Druck lastet auf Christen in einem System, das keine Loyalität außerhalb der Partei duldet? Der Anthropologe Adrian Zenz [evangelikaler Christ, Direktor für Chinastudien beim US-Think-Tank „Victims of Communism Memorial Foundation“ in Washington,D. C.] zeigt, wie Chinas Regierung mit moderner Überwachungstechnologie und ideologischer Umerziehung den Glauben zu ersticken versucht – und warum der Druck paradoxerweise neue Stärke hervorbringt.
Die heutige Situation des Christentums in China ist von einem Paradoxon geprägt: Eine Glaubensgemeinschaft, die Schätzungen zufolge fast 100 Millionen Menschen umfasst, sieht sich der technologisch fortschrittlichsten Verfolgung seit der Kulturrevolution ausgesetzt. Diese Entwicklung ist die Konsequenz einer strategischen Re-Ideologisierung unter Xi Jinping, die mit den Mitteln eines digitalen Totalitarismus agiert. Ziel ist die Eliminierung jeglicher Loyalität außerhalb der Kommunistischen Partei (KPCh).
Diese Verfolgung ist in Xis persönlicher Ideologie verwurzelt – wird durch die Feindseligkeit des leninistischen Staates gegenüber konkurrierenden Glaubenssystemen legitimiert, durch die Zwangspolitik der „Sinisierung“ umgesetzt und durch einen allgegenwärtigen Überwachungsapparat vollzogen.
Xi Jinpings ideologische Prägung
Der Politikwissenschaftler David Shambaugh charakterisiert Xi Jinping treffend als „Modernen Emperor“ oder Kaiser. Dies beschreibt eine Zentralisierung der Macht, wie sie seit Mao Tse-tung nicht mehr existierte. Xis spätere Machtkonsolidierung, die Abschaffung der Amtszeitbegrenzung und der geschaffene Personenkult sind direkte Umsetzungen dieser Haltung. Seine Herrschaft ist geprägt von der Wiederbelebung maoistischer Rhetorik und der expliziten Erklärung: „Osten, Westen, Süden, Norden oder das Zentrum – die Partei regiert alles.“ Xis Weltanschauung wurde maßgeblich durch seine traumatischen Jugenderfahrungen geprägt. Als Sohn des hochrangigen Revolutionärs Xi Zhongxun (1913–2002) erlebte er den tiefen Sturz seines Vaters während Maos Säuberungen. Sein Vater wurde später während der Kulturrevolution inhaftiert und gefoltert. Die Brutalität dieser Zeit traf Xi Jinping direkt. Als die Kulturrevolution 1966 ausbrach, war er 13 Jahre alt. Militante Studenten plünderten das Haus der Familie, eine seiner Schwestern starb durch Suizid. Xi selbst wurde als Feind der Revolution gebrandmarkt, öffentlich vorgeführt, zeitweise interniert und im Zuge einer Demütigungsveranstaltung sogar von seiner eigenen Mutter denunziert. Als Xi als Teenager eines Tages aus der Internierung floh und hungernd nach Hause zurückkehrte, wies seine Mutter ihn ab und meldete ihn den Behörden – ein erschütterndes Beispiel dafür, wie die Angst vor politischer Vergeltung und der Druck zur Staatskonformität elementarste familiäre Bindungen zersetzen.
Ein überzeugter Leninist
Diese Erfahrungen von Chaos machten Xi jedoch nicht zum Kritiker des Systems. Im Gegenteil festigten sie in ihm die Überzeugung, dass nur eine ideologisch geeinte Partei die Stabilität Chinas garantieren kann. Die Analyse des Zusammenbruchs der Sowjetunion durch die Führung bestärkte ihn in dieser Haltung; der Kollaps wurde als Folge mangelnder ideologischer Überzeugung interpretiert. Daraus ergibt sich eine scheinbar widersprüchliche Konsequenz: Ein Mann, dessen Familie Opfer der unkontrollierten Macht der Partei wurde, reagiert nicht mit einer Mäßigung dieser Macht, sondern mit deren Zentralisierung und Stärkung. Xi ist ein überzeugter Leninist. Diese Überzeugung manifestiert sich in einer signifikanten Verschiebung des politischen Systems. Unter Xi Jinping tendiert China von einem autoritären System zurück in Richtung eines Neo-Totalitarismus. Während der Autoritarismus primär äußeren Gehorsam einfordert, strebt der Totalitarismus nach der Kontrolle des gesamten Lebens – einschließlich der innersten Überzeugungen –, womit die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Leben aufgehoben wird. Diese Rückkehr zur totalitären Logik erklärt die erneute Betonung der gedanklichen Umerziehung, um ideologische Konformität zu erzwingen. Die Ideologie der Partei unter Xi besteht aus einer Synthese aus Marxismus-Leninismus und aggressivem Nationalismus. Sie steht in direktem Konflikt mit dem Christentum. In einem leninistischen Parteienstaat wird Religion als konkurrierende Ideologie betrachtet. Sie bietet eine alternative Quelle für Moral und Loyalität, die das Wahrheitsmonopol der Partei infrage stellt. Das Christentum mit seinen globalen Verbindungen wird als besonders gefährlich und als Einfallstor für „ausländische Infiltration“ eingestuft.
Der leninistische Parteienstaat und seine Instrumente der Kontrolle
Die Politik Xi Jinpings agiert auf dem Fundament des offiziell atheistisch-leninistischen Parteienstaates, der seine Repression durch eine ausgeklügelte rechtliche Architektur legitimiert. Ein Wendepunkt sind die 2018 in Kraft getretenen „Neuen Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ mit der Doktrin der Sinisierung. Diese Vorschriften verbieten die religiöse Erziehung Minderjähriger sowie nicht genehmigte religiöse Aktivitäten online und in nicht registrierten Räumen. Die KP setzt zunehmend auf juristische Kriegsführung gegen christliche Gemeinschaften, etwa indem sie Spenden als finanziellen Betrug einstuft, um juristisch gegen sie vorgehen zu können. In diesem Jahr wurden über 70 Gemeindeleiter und Mitglieder unter diesem Vorwand verhaftet. Im Oktober wurde Pastor Ezra Jin, Leiter der Ziongemeinde in Peking, verhaftet. Der Grund: illegale Nutzung von Online-Netzwerken. Nach der gewaltsamen Schließung der Kirche durch die Behörden im Jahr 2018 spaltete sie sich in Kleingruppen auf und ging online. Sie erstellte ein hybrides Gemeindemodell, was zu einem starken Wachstum führte. Die Rechtfertigung für diese massiven Eingriffe basiert auf einer gezielten Pathologisierung unerwünschter Glaubenssysteme. Regierungsseiten stellen die „Kirche des Allmächtigen Gottes“ beispielsweise als einen „krebsartigen Tumor“ dar, der aus dem Gesellschaftskörper herausgeschnitten werden muss. Diese pseudo-medizinische Rhetorik dient dazu, präventive Masseninterventionen zur Schaffung einer „Gedankenimmunität“ zu legitimieren. Diese Techniken der Massen-Umerziehung wurden ursprünglich Mitte der 90er Jahre gegen protestantische Gruppierungen und katholische Untergrundkirchen entwickelt, im Kampf gegen die Falun-Gong-Bewegung verfeinert und jüngst im großen Stil auf die Uiguren angewandt, von denen womöglich über eine Million in Umerziehungslager gesteckt wurden. Dieses System der Transformation durch Erziehung ist flexibel skalierbar und wird landesweit gegen ideologische und religiöse Vereinigungen eingesetzt.
Der Glaube im Dienst des Staates
Unter Xi Jinping wurde der Begriff der „Sinisierung“ (Zhongguohua) von einem ursprünglich neutralen Prozess der kulturellen Anpassung in eine repressive politische Kampagne umgewandelt. Unter Xi ist die KP nicht nur marxistisch-leninistisch, sie verbindet diese Ausrichtung mit einem parteizentrierten Nationalismus. Sinisierung bedeutet in diesem Kontext nicht kulturelle Anpassung, sondern die vollständige Unterordnung von Theologie, Lehre und Praxis unter die Führung der KP, ihre „sozialistischen Kernwerte“, und die Ideologie des Staates. Diese Strategie stellt eine Weiterentwicklung der Verfolgung dar. Während der Kulturrevolution war das Ziel die Ausrottung der Religion; unter Xi ist die primäre Strategie die Subversion (Vernichtung) des Christentums von innen heraus. Der wohl tiefgreifendste Aspekt dieser Subversion ist der Fünfjahresplan der KP, der eine staatlich kontrollierte Neuübersetzung und Kommentierung der Bibel vorsieht. Ziel ist die Schaffung einer Übersetzung, die christliche Lehren im Sinne sozialistischer Werte umdeutet. Noch gibt es diese Übersetzung nicht, aber konkrete Beispiele verdeutlichen die Radikalität dieses Vorhabens. Ein Universitätslehrbuch soll die Geschichte der Ehebrecherin aus Johannes 8 so verfälscht haben, dass Jesus die Frau am Ende steinigt. Als Begründung wird angeführt, auch er müsse sich an das Gesetz halten. Die KP fordert schließlich Treue zum Gesetz, das sie selbst festlegt. In dieser Logik muss sich auch Jesus dem Gesetz des Staates unterwerfen. In anderen Fällen wurden die Zehn Gebote in Kirchen durch Zitate von Xi Jinping ersetzt. Durch die Veränderung zentraler theologischer Narrative versucht die Partei, die transzendenten Ansprüche des Glaubens auszuhöhlen und durch staatlich sanktionierte Botschaften zu substituieren. Diese Sinisierung manifestiert sich auch physisch: Kirchen werden gezwungen, die Nationalflagge zu hissen und Porträts von Xi Jinping aufzuhängen. Kreuze wurden massenhaft entfernt, um die öffentliche Sichtbarkeit des Christentums auszulöschen. Minderjährigen wird der Zutritt zu Kirchen vielerorts verboten.
Jedes Raster hat einen Rasterüberwacher
Die Durchsetzung dieser Politik wäre ohne Chinas beispiellosen Überwachungsapparat nicht möglich. Chinas „Sentinel State“ oder Wächterstaat ist ein System der „verteilten Überwachung“, dessen Strategie in der Prävention liegt: Opposition wird erkannt und neutralisiert, bevor sie kollektiv handeln kann. China hat dieses System perfektioniert, das ein digitales Panoptikum mit arbeitsintensiven, traditionellen Polizeimethoden kombiniert und sich auf die umfassende Durchdringung der Gesellschaft stützt, die nur ein leninistischer Parteienstaat ermöglicht. Die Low-Tech-Komponente, zugleich aber das organisatorische Fundament, ist das „Rastermanagement“. Der Staat teilt Gemeinschaften in kleine, leicht zu überwachende Raster ein. Jedes Raster wird von einem Rasterbetreuer überwacht, der verdächtige Aktivitäten – einschließlich nicht genehmigter religiöser Versammlungen – meldet. Wissenschaftler sprechen hier von einer modernen Anpassung des alten imperialen Baojia-Systems der gegenseitigen Überwachung. Ergänzt wird dies durch High-Tech-Komponenten: KI-gestützte Kameras, Big-Data-Datenauswertung und Onlinezensur. Kameras sind omnipräsent. Die Ziongemeinde in Peking etwa wurde geschlossen, nachdem sie sich weigerte, Gesichtserkennungskameras zu installieren; andernorts wird das Zutrittsverbot für Minderjährige per Kamera überwacht. Diese Technologien sind nur deshalb so effektiv, weil sie auf die bestehende leninistische Organisationsstruktur aufgesetzt werden. Die KP ist zudem Meisterin der „innovativen Unterdrückung“: Sie experimentiert mit Kontrollmethoden zunächst auf lokaler Ebene, um erfolgreiche Ansätze regionsweit auszurollen. So wurde Xinjiangs Masseninternierung entwickelt. Die primäre Funktion des Überwachungsstaates ist die Zerstörung von Vertrauen und die Atomisierung der Gemeinschaft. Das Rastermanagement und die Informanten-Netzwerke führen dazu, dass Gläubige niemandem mehr vertrauen können. Dies schürt Angst und Misstrauen. Das Ziel ist es, die für das religiöse Leben essenziellen Gemeinschaftsbande zu zerreißen und die Gläubigen in die Isolation zu treiben.
Folgen und transnationale Repression
Für die Hauskirchen ist die Situation existenziell. Tausende Kirchen wurden geschlossen oder abgerissen. Die Gläubigen sind gezwungen, in den Untergrund zu gehen. Prominente Führer wie Pastor Wang Yi von der Early Rain Covenant Church sind paradigmatisch. Nach einer Razzia 2018 wurde er in einem geheimen Prozess zu neun Jahren Haft verurteilt – offiziell wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ und „illegaler Geschäftstätigkeit“. Sein Fall dient als Exempel zur Einschüchterung der breiteren Gemeinschaft. Die vorgebliche illegale Geschäftstätigkeit bestand darin, dass seine Gemeinde christliche Bücher produziert und an Gemeindemitglieder verkauft hatte. Die Kontrolle endet nicht an Chinas Grenzen. Wir beobachten eine Zunahme der „transnationalen Repression“. Dieses Phänomen beschreibt das Vorgehen von Staaten, Dissens unter Exilgemeinschaften im Ausland zum Schweigen zu bringen. „Freedom House“ identifiziert China als den weltweit aktivsten Akteur in diesem Bereich. Chinesische Sicherheitsorgane überwachen die Diaspora und versuchen, geflohene Christen zum Schweigen zu bringen. Zu den Methoden gehören digitale Überwachung und die „Stellvertreter-Nötigung“: Das heißt, Familienmitglieder in China werden bedroht, um das Verhalten ihrer Verwandten im Ausland zu steuern.
Schlussfolgerung – Chance für den Glauben
Xi Jinpings Polizeistaat mag beeindruckend sein, aber er schafft auch ganz neue Freiräume für den Glauben. Der Totalitarismus will den ganzen Menschen vereinnahmen: seinen Verstand, sein Herz und seine Seele. Damit maßt er sich einen Anspruch an, der allein Gott zusteht. Gerade indem er alles unterdrückt, untergräbt der Totalitarismus sich selbst. Er hinterlässt eine Leere, die nur der Glaube füllen kann. Durch die Verfolgung wird die Kirche gestärkt, diese Leere zu füllen. Nicht nur trotz dieser Herausforderungen, sondern gerade durch sie zeigt sich die Widerstandsfähigkeit der christlichen Gemeinschaften. Der erhöhte Druck führte demnach zu vier positiven Entwicklungen: einer intensiveren Gebetsabhängigkeit, gewachsenem Mut unter den Gläubigen, mehr Autarkie aufgrund reduzierter ausländischer Hilfe und vertiefte Bibelkenntnis, weil die Aufspaltung in Kleingruppen die Ausbildung Tausender neuer Bibellehrer erforderlich machte. Diese Veränderungen wurden durch die Pandemie stark beschleunigt. Die Kampagne der Partei, so brutal sie auch sein mag, stärkt also die Gemeinde Christi im Untergrund. Pastor Wang Yi verfasste die „Erklärung des treuen Ungehorsams“ im Bewusstsein, dass er irgendwann verhaftet werden würde. Er verband dies mit der Bitte, die Erklärung zu veröffentlichen, sobald er im Gefängnis säße. Darin schrieb er: „Das kommunistische Regime hat Angst vor einer Kirche, die sich nicht mehr vor ihm fürchtet.“
[Quelle: IDEA DAS CHRISTLICHE SPEKTRUM 48.2025]




