Ein Reptil – zwei Gesichter
18.03.2026 Das Bild der Schlange im antiken Nahen Osten
Die Schlange ist bis heute Gegenstand vielfältiger Darstellungen. Dabei werden ihr ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Bedeutungen zugeschrieben. Ein Teil der Symbolik stammt aus den Kulturen des antiken Orients. Die Schlange war ein Attribut der Götter, galt selbst als göttlich, wurde zugleich gefürchtet und verehrt.
Bis heute schreiben wir der Schlange ein Spektrum gegensätzlicher Bedeutungen zu: Leben und Tod, Krankheit und Heilung, Angst und Faszination. Zudem verbinden wir mit ihr Vorstellungen wie Verwandlung, Initiation, Intelligenz und Erkenntnis.
Immer wiederkehrendes Motiv
Die Texte des antiken Nahen Ostens belegen, wie sehr sich die Alten für die Schlangen interessierten und wie weit manche historische und kulturelle Themen zurückreichen. Nicht nur die biblische Schöpfungserzählung verbindet das Nachdenken über die Natur des Menschen mit einer Schlange als Versucher, sondern auch das viel ältere Gilgamesch-Epos – die Erzählung von einem Heldenkönig der mesopotamischen Stadt Uruk, der sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit macht. Die ältesten Schlangendarstellungen des Nahen Ostens stammen aus der Steinzeit. Entdeckungen im Norden Syriens und im Südwesten der Türkei brachten ans Licht, dass bereits Dorfkulturen des 10. Jahrtausends vC die Schlange als bevorzugtes Bildmotiv gewählt hatten. Das Reptil findet sich auf Monolithpfeilern von Gemeinschaftsgebäuden in Göbekli Tepe (bei Urfa) abgebildet, zuweilen zusammen mit anderen Tieren wie Löwe, Fuchs, Wildschwein, Vogel oder auch in anthropomorphen Darstellungen. Ebenso erscheint es einzeln oder gruppenweise auf kleineren Steinartefakten wie Plättchen und gerillten Steinen, die man an den Ufern des Euphrats (Jerf el Ahmar, Dja’de) oder im Bett des Flusses Qoueiq (Tell Qaramel) gefunden hat. Ein in Tell Qaramel gefundener Stein mit Eingravierungen trägt ein besonderes Dekor: Eine Reihe von Schlangen umgibt eine hybride Figur in Form einer menschlichen Büste (einer Frau?). Ihr Unterleib sieht aus, als bestehe er aus schlangenförmigen Tentakeln. Manche Forscher halten diese Objekte für eine Art von Erinnerungsstützen, bei denen jedes eingravierte Motiv eine Art Piktogramm sein könnte. Die Kompositionen wären dann eine Art von mythologischer Erzählung.
Auf einem gerillten Stein von Jerf el Ahmar ähnelt die Zeichnung einem Vogel, vielleicht einem Raubvogel, dessen Flügel in mehreren Schlangenformen ausgebreitet sind. Ist dies bereits ein Doppelwesen aus Adler und Schlange? Ein solches Wesen taucht seit der Bronzezeit in der Ikonografie öfter auf, wie Entdeckungen aus der Jiroft-Zivilisation (in Kerman im Südosten des Iran) bezeugen. In der mesopotamischen Literatur erscheint dieses Doppelwesen in der Geschichte vom Helden Etana, dem König der Stadt Kisch, der zwischen diesen beiden Tieren ein Bündnis vermittelte. Dabei spielt jedoch nicht die Schlange die negative Rolle, sondern der Adler bricht zuerst das Bündnis. Andere Motive sind genauso alten Ursprungs. Der Götterbote Hermes in der griechischen Kultur trägt einen Stab, um den sich zwei Schlangen winden, die einander ihre Köpfe zuwenden. Ebensolche Schlangen zieren bereits eine kultische Vase, deren Inschrift den Namen des mesopotamischen Prinzen Gudea trägt, der gegen Ende des 3. Jahrtausends vC über den Sumererstaat Lagasch herrschte. Aus Schlangen bestehen auch die monströsen Figuren, wie die gehörnten und mit Flügeln ausgestatteten Drachenschlangen, welche die klassischen Schlangen auf dieser Vase umrahmen. Die gehörnte Schlange war das Attributtier der persönlichen Gottheit von Gudea, nämlich Ningišzida (dem „Herrn des wahren Baumes“).
Die Schlange wurde auch mit weiteren Gottheiten des antiken Orients in Verbindung gebracht. In Mesopotamien findet man ihr Bild auf Steinstelen mit Inschriften (kudurrus) aus dem 14. bis 7. Jh. vC. Ihre Verzierung rührt von der Verbindung mit Götteremblemen der großen Götter des babylonischen Pantheons her, die man als Garanten des Vertrags der königlichen Schenkung auf diese Steine gemeißelt hatte. Die Schlange und der Skorpion, Symbole der Gottheiten der chthonischen Welt (Ischtar, Nirah, Ischara) erscheinen oft unterhalb der Bildkomposition, die einen ganzen Mikrokosmos beschwört. Und schließlich wird im Iran in der Ikonografie des 2. Jahrtausends vC die Schlange mit einer männlichen Gottheit des elamitischen Pantheons in Verbindung gebracht, vielleicht mit Inšušinak, der Hauptgottheit der Stadt Susa.
Der Kampf gegen die Schlange
Genauso allgemein verbreitet ist das Bild der Schlange in der Bronze- und Eisenzeit. In Palästina findet sich dieses Tier in Form von Figürchen aus Kupfermetall, die man an zahlreichen Stätten zutage gefördert hat (Megiddo, Lachisch, Hazor, Gezer …), sowie auf Vasen und auf Kultgegenständen aus Ton (Beth Schean). In Ugarit, der Hauptstadt eines blühenden König- und Handelsreichs im 2. Jahrtausend vC, zeigt ein goldener, auf die jüngere Bronzezeit datierter Anhänger das Bild einer nackten Frau mit zwei Schlangen. Die genauere Identifizierung dieser Frauenfigur erweist sich als schwierig, weil mit der Darstellung kein Text verbunden ist. Handelt es sich um Kudschu, eine mit der Fruchtbarkeit zusammenhängende Göttin, um Astarte oder vielleicht um Aschera, die Gattin des Gottes El und laut der ugaritischen Mythologie Mutter der Götter?
Ugarit zeigt bezüglich der Schlange eine große Vielfalt ikonografischer und literarischer Darstellungen. Die mythologischen Gedichte, die man bei der Ausgrabung von Ras Schamra (Ugarit) vor über achtzig Jahren gefunden hat, beschreiben zum ersten Mal das schlangenförmige Monster Lotan, die „flüchtende“ und „gewundene“ Schlange und Vorgängerin des biblischen Leviatan. Sie ist die Helferin des Meeresgottes Jam, den der Gewittergott Baal (der „Herr“) besiegt. Dieser mythische Kampf symbolisiert den Sieg des geordneten Kosmos über das Wasserchaos. Er erinnert an den Kampf von Marduk gegen Tiamat in der mesopotamischen Literatur, also des Gewittergottes gegen die große Schlange Illujanka in der anatolischen Literatur, oder auch an den Kampf von Seth gegen die kosmische Schlange Apophis in der ägyptischen Religion. Als Inkarnation der negativen Kräfte wird die Schlange auch auf dem Fragment eines Kultuntersatzes aus Keramik dargestellt, den man in Ras Schamra fand: Eine Menschengestalt – gedeutet als König von Ugarit – bändigt eine riesige Schlange und gewährleistet vermutlich auf diese Weise den guten Fortgang des Königreichs.
Andere ugaritische Texte magisch-religiöser Natur handeln davon, wie man das für Menschen und Pferde gleichermaßen gefährliche Untier bekämpfen soll. Horon, der Patron der weißen Magie, erscheint hier als die Gottheit, die vor Schlangenbissen schützen oder solche heilen kann. Im Text mit dem Titel „Horon und die Schlangen“ werden die Handlungen eines Schlangenbeschwörers beschrieben: „Meine Beschwörung [gegen] den Biss der Schlange, [gegen] das Gift der Schlange, die sich gehäutet hat: O Beschwörer, vernichte sie, nimm ihr das Gift. Dann aber richtet er die Schlange auf.“ Auch hier scheint das Prinzip der sympathetischen Magie erforderlich zu sein: Die Abrichtung einer Schlange ermöglicht es, sich gegen die Angriffe seitens ihrer Artgenossinnen abzuschirmen. Könnte eine der in Ugarit zutage geförderten Stelen, deren gemeißelte Verzierung eine Person mit einem Stab in der Hand zeigt, der oben in einem Schlangenkopf endet, eine Anspielung auf derlei Praktiken sein?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Materia magica von Ugarit noch andere Artefakte mit apotropäischer Funktion enthielt. Die Verbreitung von Bildern im Zusammenhang mit Figuren von Schutz- und Heilgottheiten ist ein altes Phänomen. So findet sich zum Beispiel an lokalen Produktionsstätten das Bild von ägyptischen Schutzgottheiten, die gerade dabei sind, Schlangen zu bändigen. Zu ihnen gehört der Gott Bes mit dem Aussehen eines grotesken Gnoms. Dieses Bild von Bes gelangte im folgenden Jahrtausend bis ins westliche Mittelmeergebiet. Das reichhaltige Vorkommen des Schlangensymbols zeigt, wie sehr dieses Tier im Lauf langer Zeitalter die Ängste und Hoffnungen des Menschen beherrscht hat.
[Von: Valérie Matoıan, Archäologin und Forscherin am Laboratoire Archéorient der Universität Lumière Lyon 2]


