Eindeutig zweideutig
12.08.2026 Die Könige im Stammbaum Jesu
Die Geschichten der Könige Israels gehörten für die Evangelisten zum Grundbestand ihrer jüdischen Schriften. Aber die Könige sind ambivalent. Einerseits haben viele von ihnen versagt, andererseits stehen sie für die Verbindung mit David und für Gottes Liebe zum Volk Israel. Matthäus entscheidet sich, sie in seine Jesusgeschichte aufzunehmen – und so sind die judäischen Könige bis heute eng mit Jesus Christus verbunden.
Die Jesusbewegung steht im historischen Horizont der Herrschaft Roms, wie auch eine Reihe jüdischer Aufstandsbewegungen. Flavius Josephus schildert diese politisch-messianischen Bewegungen nach dem Muster der Simon-Episode. Der zentrale Begriff ist dabei König: Die Anführer ernennen sich zum König und lassen sich vom Volk durch Akklamation bestätigen. Nicht Größenwahn ist dabei die Motivation, sondern der Glaube, dass der Gott Israels hier einen König erweckt hat: Dieser Glaube verbindet die Gruppe untereinander – und mit der biblischen Tradition des Königtums Gottes. Die Sehnsucht nach der Befreiung aus der Fremdherrschaft verbindet messianische und nationalistische Motive und zieht sich durch das gesamte erste Jahrhundert, zunächst nur in Judäa, später auch in Galiläa. Die römischen Besatzer sehen in diesen „Königen“ und ihren Anhängern nicht ganz zu Unrecht Aufständische, gegen die sie mit aller Härte vorgehen.
Jesus wird als „König der Juden“ verurteilt
Der Beginn der Gemeinschaft der Jesusnachfolgenden liest sich in diesem Kontext wie ein weiteres Kapitel in der Reihe der jüdischen Messiasprätendenten unter römischer Besatzung. Am Anfang des Neuen Testaments stand die Kreuzigung Jesu, seine Verspottung durch das römische Hinrichtungskommando mit Dornenkrone und Purpurmantel und die Kreuzesinschrift, die sein Verbrechen festhält: „König der Juden“. Diese Punkte gelten weithin als historisch sicher, ebenso Jesu Verkündigung der Königsherrschaft Gottes, die zum Anklagepunkt des Hochverrats und zum Todesurteil führte. So wurde Jesus wegen eines vermeintlichen Herrschaftsanspruchs angeklagt, der im eklatanten Widerspruch zum römischen Imperium stünde und dessen politische Brisanz im Johannesevangelium in der Formel „Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers: jeder, der sich zum König macht, lehnt sich gegen den Kaiser auf“ (Joh 19,12) festgehalten ist. So weit die Ausgangslage.
In den vier Evangelien, die zwischen ca. 70 und 110 nC entstanden sind, finden sich unterschiedliche theologische Verarbeitungen dieser Erfahrungen, die in einer unterschiedlichen Motiv- und Symbolsprache und einer unterschiedlichen Interpretation des Königstitels ihren Ausdruck finden. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Evangelien mit einer Genealogie Jesu (einem Stammbaum), Matthäus und Lukas, und Evangelien, die ohne Genealogie auskommen, Markus und Johannes. Letztere diskutieren den Königstitel für Jesus ohne Rückgriff auf die Könige Judas, was nicht heißt, dass er in diesen Texten keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil, das Königsmotiv ist im jüngsten Evangelium (Johannes) sehr stark ausgeprägt: Johannes stellt Jesus in der Passion als den wahren König dar, dessen Königtum freilich nicht von dieser Welt ist (Joh 18,16-37). Während der politische Königstitel für Jesus im Markusevangelium sehr zurückgenommen ist – für das Markusevangelium ist Jesus der gesalbte Gottessohn und endzeitliche Bote der Königsherrschaft Gottes –, sieht Matthäus, der Markus kennt, das ganz anders. Bei ihm ist die Verkündigung der Königsherrschaft Gottes kein Alleinstellungsmerkmal Jesu wie bei Markus, sondern begegnet bereits bei Johannes dem Täufer. Auch scheint der Königstitel für Jesus nicht erst in der Passion auf, sondern sorgt bereits in der Kindheitsgeschichte für Erschrecken bei Herodes dem Großen – und in ganz Jerusalem (Mt 2,3). Und schließlich wird der Davidsohntitel, der bei Markus nur eine untergeordnete Rolle spielt, bei Matthäus prominent ausgebaut: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (1,1), lautet die Überschrift des Evangeliums, und am Ende der Genealogie (1,2-17) wissen die Leser nicht nur, dass David der König war (1,6) und Jesus der Christus ist (1,16), sondern das Königsmotiv wird für Jesus eingeführt und schwingt danach im gesamten Evangelientext mit. Die Genealogie ist, wie der Text in 1,17 selbst festhält, in drei Epochen eingeteilt:
• von Abraham bis David die Zeit, in der die Heilsverheißungen gegeben wurden (1,2-6),
• von David bis Jojachin die Zeit der Könige bis zum Babylonischen Exil (1,6-11)
• und von Serubbabel bis Josef die Zeit nach dem Exil mit dem Wiederaufbau des Tempels bis zum Davidssohn Jesus (1,12-16).
Die Anlage der Genealogie mit dreimal vierzehn oder sechsmal sieben Generationen legt nahe, dass mit dem davidischen Messias, Gottessohn und Immanuel Jesus ein neues Kapitel der Geschichte Israels aufgeschlagen werden soll. Der Davidssohn Jesus ist bei Matthäus ein messianischer König, der lehrt und heilt, in Hirtensorge sein Volk sammelt, sich seiner erbarmt und seine Schwächen und Krankheiten heilt (8,17). Der Einzug Jesu in Jerusalem (21,1-11) kann durchaus als Einzug des sanften und ganz anderen Messiaskönigs verstanden werden, der zum Zion kommt.
Jesus als König unter den Königen Judas
Die Genealogie reiht Jesus in die Königsliste Judas ein. Beginnend mit David, der trotz aller Sünden (1,6) und Kritik als der König schlechthin gilt (und deshalb als Einziger der judäischen Könige eigens als König ausgewiesen wird: „Isai zeugte David, den König“), wird über Salomo und Rehabeam die Liste der Könige Judas aufgerufen. Diese Liste ist weder ganz korrekt noch ganz vollständig, doch darum geht es nicht. Matthäus ist nicht an der Historizität gelegen – dagegen spricht allein schon die viel zu geringe Zahl der Generationen für die Zeit zwischen dem Exil und Josef –, sondern an Theologie. Im Vergleich mit der Königsliste des Südreichs Juda, wie wir sie aus den Königsbüchern kennen, fehlen in der matthäischen Genealogie zwischen Joram und Usija/Asarja die Könige, die keines natürlichen Todes gestorben sind: Ahasja, Joasch und Amazja. Ferner lässt Matthäus den vom Pharao abgesetzten Joahas, der in Ägypten stirbt und ohnehin nur drei Monate regierte, und dessen Sohn Jojakim, der statt seiner vom Pharao eingesetzt wird, aus. Auch den vom babylonischen König eingesetzten Zidkija, ein Onkel von Jojachin, übergeht Matthäus, ebenso die als illegitim geltende Atalja, eine Tochter des israelischen Königs Ahab, die die davidische Linie unterbricht. Andererseits wird Joschia, der eigentlich der Großvater Jojachins ist, durch die Auslassung der Brüder Joahas und Jojakin zu dessen Vater. Diese Umstellung passt gut ins Konzept: Mit Jojachin ist die Wegführung nach Babylon verbunden, er wird im Exil begnadigt (2Kön 25,7-30). Sein Sohn ist Schealtiël und nach der Septuaginta-Tradition (griechische Übersetzung der Schriften, ca. 3. Jh. vC) ist Schealtiëls Sohn Serubbabel (1Chr 3,17 in der Septuaginta; wir lesen dagegen in unserer Bibel, die der masoretischen Tradition folgt, er sei der Sohn Pedajas). Serubbabel führt die Juden aus Babylon zurück, baut den Tempel in Jerusalem erneut auf und setzt den Kult wieder in Gang.
So gelesen, erweisen sich auch die beiden vermeintlichen Fehler der Genealogie als theologische Akzentsetzungen: Asa (1,7f) begegnet bei Matthäus als „Asaf“ und Amon (1,10) als „Amos“. Was nach einer einfachen Verwechslung klingt, lässt sich auch als gezielte Bezugnahme verstehen, mit der Matthäus den Psalmensänger Asaf und den Propheten Amos aufruft. Das erklärt, wieso Amon, obwohl er keines natürlichen Todes starb, sondern einer Verschwörung seiner Diener zum Opfer fiel (2Kön 21,33), dennoch (als Amos) in der Genealogie genannt wird: Matthäus braucht ihn, um die prophetische Tradition aufzurufen.
Ein Seitenblick auf das Lukasevangelium bestätigt, dass wir es bei der Genealogie Jesu, insbesondere bei der Königsliste, mit einer theologischen Interpretation zu tun haben. Zwar bietet Lk 3,23-30 eine Genealogie Jesu, die von Josef bis zu Adam zurückgeführt wird und damit die Gotteskindschaft Jesu (und jedes Menschen, vgl. Lk 1,35; 6,35; 20,36; Apg 17,28), konstruiert – aber anders als Matthäus mit der Abrahams- und Davidssohnschaft. Auch die lukanische Genealogie ist durch Zahlensymbolik gekennzeichnet, doch sind es hier nicht drei Epochen von je vierzehn Generationen, sondern die Namen von Jesus bis Abraham umfassen 77 Generationen. Offenbar spielt Lukas mit der Zahl sieben: David und Abraham führen jeweils eine Siebenerreihe an.
Lukas will gar keine Verbindung Jesu mit den Königen
Die Genealogien von Matthäus und Lukas berühren sich nur in wenigen Punkten. Dazu gehören die Generationen von Abraham bis David, die aus den heiligen Schriften Israels, dem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis der Evangelisten, bekannt sind. Besonders interessant ist, dass Lukas die Linie nach David und Salomo nicht mit Rehabeam fortsetzt, sondern mit dem Batseba-Sohn Natan (1 Chr 3,5) und darauf völlig unbekannte Namen folgen lässt. Erst nach dem Exil treffen sich die beiden Genealogien mit Schealtiël und Serubbabel kurz wieder, um sich danach erneut zu trennen, bevor sie bei Josef wieder zusammenkommen. Die Könige Judas spielen bei Lukas keine Rolle und auch die Davidsohnschaft ist bei ihm vordergründig nicht prominent, sondern wird wie bei Markus eher kritisch gesehen (Lk 20,41-44). Lukas scheint eher die Anklänge an eine Verbindung Jesu mit den Königen Judas tilgen zu wollen. Hierfür werden politische wie theologische Erwägungen gleichermaßen eine Rolle gespielt haben. Hintergründig ließe sich freilich überlegen, ob in der lukanischen Genealogie nicht auch angedeutet sein könnte, dass Jesus als wahrer und endzeitlicher Davidsohn einer anderen davidischen Linie entspringt als all jene Davididen, die auf dem Thron des untergegangenen Reiches saßen. Die Könige Judas sind keine gute Referenz für Jesus Christus. Wenn Lukas derart subtil Theologie treibt, wäre dadurch noch einmal unterstrichen, dass Jesus nicht als politischer Messias und Heilsbringer zu verstehen und dennoch der Retter, Christus und Herr aus dem Hause und Geschlechte Davids ist, der in der Davidsstadt Betlehem geboren wurde.
Prominent ist das Königsmotiv im Rückgriff auf die Könige Judas demnach nur im Matthäusevangelium ausgearbeitet. Der Davidssohn Jesus wird hier als endzeitlicher König verstanden, doch er ist weit mehr. In der dritten Epoche der matthäischen Genealogie wird die priesterliche Linie evoziert und auch sie ist reich an biblischen Anklängen. Sie schreibt dem Messias königliche, priesterliche und Hirtensorge gleichermaßen zu. Diese dritte Epoche (Mt 1,12-16) beginnt mit Schealtiël und Serubbabel, die mit Texten des Alten Testaments verbunden werden können: Serubbabel ist nach 1Chr 3,19 der Sohn von Schealtiël – allerdings nur in der Septuaginta. Mit ihm beginnt nach dem Exil insofern eine neue Epoche, als mit ihm die Wiedererrichtung des Opferaltares (Esra 3,2-6) und die Initiative zum Wiederaufbau des Tempels verbunden sind (Esra 3,8-4,3; 5,2). Die folgenden Personen sind zwar unbekannt, doch ihre Namen erinnern an biblische Gestalten wie Abihud (1Chr 5,29), Eljakim (Neh 12,41), Zadok (2Sam 15,29; 1Chr 5,34.38) oder Eleasar (1Chr 24,1-4), die mit Tempel und Priestertum verbunden sind. Neben der königlichen Linie wird damit auch eine priesterliche Linie eingespielt, die ebenfalls frühjüdische Messiaserwartungen spiegelt. Noch deutlicher als in der Königsepoche wird hier sichtbar, dass es nicht um die Personen, sondern um ihre Funktion geht. Die Könige Judas, die im zweiten Teil der Genealogie aufgerufen werden, sind lediglich ein Teil des Hintergrunds, vor dem der matthäische Messias verstanden werden soll. Es geht nicht um sie als Einzelpersonen, sondern ihre Aufzählung ist funktional. Deshalb können auch einzelne Könige ausfallen oder mit anderem Namen bezeichnet werden.
Die Könige Judas gehören zum Verständnishintergrund des Messias
Man kann sagen, am Anfang stand die Kreuzigung Jesu als König der Juden. Man kann die Geschichte aber auch anders erzählen und sagen, dass am Anfang die Verheißung stand, die sich auch im davidischen Königtum erfüllte und nach dem Exil im Bild eines idealisierten Königtums manifestiert hat, wie es in der Natansverheißung (2Sam 7,8-16) zum Ausdruck kommt. Die königlichen Aufgaben der Sorge für Schutz, Gerechtigkeit und Wohlergehen seines Volkes werden dabei auf den endzeitlichen Messiaskönig, einen neuen David, übertragen. Wenn man einen Schritt zurücktritt, lässt sich erkennen, wie dieses Königsmotiv im Matthäusevangelium dienstbar gemacht wird, um die Erfahrung der Kreuzigung Jesu als vermeintlichem König der Juden theologisch zu verarbeiten und ihr nicht nur Sinn, sondern auch Heilsbedeutung abzugewinnen. Dazu gehören auch die Könige im Stammbaum Jesu, die sein Verständnis als königlicher Messias vorprägen.
[Prof. Dr. Sandra Huebenthal ist Professorin für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Passau]



