Gemeindebrief der Evangelischen Gemeinde Pattaya
01.05.2026 Ausgabe 05.06/2026
Liebe Schwestern und Brüder in Christo,
die Saison 25/26 ist vorbei und viele unsere “Zugvögel” haben sich bereits auf den alljährlichen Heimweg in die D A CH Region gemacht. Da dies auch einige unserer Ehrenamtler betrifft, bietet das BZP in den Monaten Mai-August traditionell ein etwas schlankeres Programmangebot. Das betrifft aber weder die Gottesdienste alle 14 Tage noch die seelsorgerische Betreuung, da ich durchgehend vor Ort bin.
Noch eine kurze Stellungnahme zu einem etwas unerfreulichen Ereignis vor einigen Wochen. Wir hatten einem Youtuber kostenfrei über ein Jahr lang unsere Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, damit dort sein 14tägiges Treffen stattfinden konnte. Bedauerlicherweise hielt sich eine kleine Gruppe seines Teilnehmerkreises nicht an die Hausordnung. Laut unserer Hausordnung ist jeder Leiter einer Veranstaltung gemäß unserer Hausordnung dazu verpflichtet, für die Einhaltung der bei uns geltenden Regeln zu sorgen. Da sich besagter Youtuber weigerte, seinen Verpflichtungen nachzukommen, mussten wir ihm persönlich und dem von ihm geleiteten Gesprächskreis bedauerlicherweise das Gastrecht entziehen. Daraufhin erschien ein Beitrag auf einem Youtube-Kanal mit einer KI-generierten Hassfratze und einer BILD-Zeitung würdigen Schlagzeile, dessen Inhalt verständlicherweise bei zahlreichen Mitgliedern und Gästen auf scharfen Protest stieß. Das Direktorium der Protestant Congregation Association Pattaya hatte den Eindruck, dass der Zweck des Beitrages ausschließlich darin bestand, den Bekanntheitsgrad des eigenen Mediums mittels einer öffentlich ausgetragenen Schlammschlacht per click bait zu steigern. Deshalb haben wir darauf nicht weiter reagiert. Die persönlichen Angriffe auf meine Person haben mich ebenfalls nicht getroffen, da sie von Leuten stammen, die Petrus nicht von Paulus unterscheiden können, aber dennoch meinen, die pastorale Arbeit unserer Gemeinde bewerten zu dürfen. Wir werden unseren erfolgreichen Weg konsequent weiter gehen und ansonsten das Motto des ehemaligen Kanzlers Helmut Koh beherzigen: “die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter”.
In diesem Sinne wünschen wir allen die uns kennen und schätzen, alles Gute, viel Lebensfreude und Gesundheit und natürlich Gottes reichen Segen,
Ihr und euer Pastor Peter
Auch wenn sich im April bereits eine Menge unserer “Zugvögel” auf den Weg nach D A CH gemacht hatten, waren unsere drei Gottesdienst mit jeweils rund 35 Teilnehmern noch sehr gut besucht.
Warum feiern wir Pfingsten?
Pfingsten, griechisch: πεντηκοστὴ ἡμέρα pentēkostē hēméra, “fünfzigster Tag”, lateinisch Dominica Pentecostes) ist das christliche Fest, welches die Ausgießung des Heiligen Geistes, also der Geistkraft Gottes, auf die Jünger Jesu und dessen bleibende Gegenwart auf Erden feiert. Der Pfingstsonntag ist der 50. Tag der Osterzeit und kann zwischen dem 10. Mai und dem 13. Juni liegen. Im Neuen Testament wird in der Apostelgeschichte erzählt, dass der Heilige Geist auf die Apostel und Jünger herabkam, als sie zum jüdischen Fest Schawuot in Jerusalem versammelt waren. Dieses Datum wird in der christlichen Tradition auch als Gründung der Kirche verstanden.
Geschichte des Pfingstfestes
Eine fünfzigtägige Festzeit nach Ostern ist bereits im frühen 2. Jh nC in der neutestamentlichen apokryphen Schrift Epistula Apostolorum bezeugt. Tertullian erwähnte sie als Freudenzeit, in der bevorzugt Taufen stattfanden. Weitere Belege kommen im 3. Jh aus Rom und Ägypten hinzu. Nach Ambrosius von Mailand sind diese Tage „wie ein einziger Sonntag“. Der fünfzigste Tag war als Abschluss dieser Festzeit etwas Besonderes, hatte aber noch keinen eigenständigen Festcharakter. Im späten 4. Jh kommt der Brauch auf, die einzelnen Stationen der Passions- und Ostergeschichte an besonderen Terminen gottesdienstlich zu feiern (Triduum Sacrum, Karwoche). In Jerusalem und Umgebung steht das mit dem kaiserlichen Kirchenbauprogramm und dem aufblühenden Pilgertourismus ins Heilige Land in Verbindung. In diesem Zusammenhang wurde auch die pentēkostḗ-Festzeit nach Ostern aufgegliedert, welche sowohl die Himmelfahrt Christi als auch die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel zum Inhalt hatte. Um 400 nC setzte sich dann allgemein durch, den 40. Tag als Himmelfahrtsfest und den 50. Tag als Fest der Geistausgießung zu begehen. Festpredigten von Johannes Chrysostomos, Gregor von Nazianz, Augustinus von Hippo und Leo dem Großen zeigen, wie Pfingsten zunehmend zum Osterfest in Beziehung gesetzt und als dessen Erfüllung interpretiert wurde. Die Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten wurden regional mit Fasten begangen, womit der Gedanke einer pentēkostḗ-Freudenzeit aufgegeben war.
Apostelgeschichte 2,1-41
“Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken. Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Tag; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, / so spricht Gott: / Ich werde von meinem Geist ausgießen / über alles Fleisch. / Eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden, / eure jungen Männer werden Visionen haben / und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde / werde ich von meinem Geist ausgießen / in jenen Tagen und sie werden prophetisch reden. Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel / und Zeichen unten auf der Erde:/ Blut und Feuer und qualmenden Rauch. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln / und der Mond in Blut, / ehe der Tag des Herrn kommt, / der große und herrliche Tag. Und es wird geschehen: / Jeder, der den Namen des Herrn anruft, / wird gerettet werden. Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, den Gott vor euch beglaubigt hat durch Machttaten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst - ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. David nämlich sagt über ihn: Ich hatte den Herrn beständig vor Augen. / Denn er steht mir zur Rechten, dass ich nicht wanke. Darum freute sich mein Herz / und frohlockte meine Zunge / und auch mein Leib wird in Hoffnung wohnen; denn du gibst meine Seele nicht der Unterwelt preis, / noch lässt du deinen Frommen die Verwesung schauen. Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt, / du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht. Brüder, ich darf freimütig zu euch über den Patriarchen David reden: Er starb und wurde begraben und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis auf den heutigen Tag. Da er ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm einen Eid geschworen hatte, einer von seinen Nachkommen werde auf seinem Thron sitzen, sagte er vorausschauend über die Auferstehung des Christus: Er gab ihn nicht der Unterwelt preis und sein Leib schaute die Verwesung nicht. Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen. Zur Rechten Gottes erhöht, hat er vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen und ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört. Denn nicht David ist zum Himmel aufgestiegen; vielmehr sagt er selbst: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: / Setze dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde / als Schemel unter die Füße. Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.
Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird. Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht! Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa dreitausend Menschen hinzugefügt”.
Humor I
Der Pfarrer auf Urlaub in Afrika sieht sich plötzlich von einem Rudel Löwen umzingelt. Die Flucht ist ausgeschlossen. Da fällt er auf die Knie, schließt die Augen und betet: “Oh Herr, verschone mich und gib mir ein Zeichen deiner Gnade! Befiehl diesen Löwen, sich wie echte Christen zu verhalten!” Als er wieder aufblickt, sitzen die Löwen im Kreis um ihn herum, haben die Pfoten gefaltet und beten: “Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.”
Humor II
Ein Rabbi hatte jenseits der Grenze zwei Kilo billigen Kaffee gekauft. Kurz vor der Grenze denkt er sich: Schmuggeln will ich nicht und lügen darf ich nicht. Also klemmte er sich den Kaffee unter die Arme. An der Grenze wird er gefragt: “Schalom Rabbi, haben Sie etwas da drüben eingekauft?” “Ja, zwei Kilo Kaffee, aber ich habe ihn unter den Armen verteilt!”
Mittlerweile ist auch der zweite Podcast im “Auswandern Thailand” Portal online, zu dem mich Stefan Fabbro und Wolfgang Payer eingeladen hatten:
Unsere nächsten Gottesdienste:
„Träume beflügeln Verrückte“ (Sir 34,1)
Beinhalten Träume tatsächlich Botschaften der Götter oder sind sie nicht einfach Wahnbilder, denen man besser keine Aufmerksamkeit schenkt? Schon antike und biblische Schriftsteller haben sich darüber Gedanken gemacht, die überraschend modern klingen.
Dass es neben den wertvollen mantischen Träumen, die die Zukunft vorhersagen, auch wirkungslose Träume gibt, weiß schon der griechische Dichter Homer. Lukian von Samosata (120–180 nC) wird diese Unterscheidung wieder aufgreifen. Und auch andere Dichter sind skeptisch: Träume können Wahnbilder enthalten (Aischylos, Prometheus 448f; Euripides, Iphigenie 570f) und Traumgestalten flüchtig sein (Vergil, Aenaeis VI 702). Über die Herkunft von Träumen gibt es verschiedene Ansichten. Aristoteles meint, sie stammen nicht von den Göttern, denn sie gingen nicht alle in Erfüllung. Daher seien sie Anzeichen für innermenschlich verankerte psychologische Prozesse, die im Wachzustand verdeckt geblieben wären. Andere Autoren treffen eine Unterscheidung: Wahre Träume sind von den Göttern, falsche Träume von den Manen, den Geistern der Toten, gesandt (Vergil, Aenaeis VI 896). Heraklit erfasst die radikale Subjektivität der Träume: Im Wachzustand hätten alle eine einzige und gemeinsame Welt, im Schlaf aber drehe jeder in seine Welt ab. Bei Sophokles ist eine Erkenntnis formuliert, die dann auch in christlicher Theologie als Problem bekannt ist: Im Traum sieht sich der Mensch zu Handlungen geneigt, die er im wahren Leben nicht vollziehen würde (Oed. 977–983) – die Tragik des Ödipus besteht darin, sie unwissend eben doch getan zu haben. Lucretius zufolge entspringt eine Täuschung im Traum nicht unseren Sinneswahrnehmungen, sondern unserem Denken, das dem, was wir wahrgenommen haben, noch etwas hinzusetzt (Vom Wesen der Dinge IV 453–468). Zu beachten ist hier der epikureische philosophische Kontext, wonach unser Denken, wenn es nicht durch Sinneswahrnehmung gestützt wird, keine verlässliche Erkenntnis produziert.
Als philosophisches Thema gehört der Traum zur Auseinandersetzung der Philosophie mit den traditionellen Formen der Wahrsagekunst. Stoische Autoren bejahten diese. Da die Götter wohltätig seien und das entsprechende Vorauswissen hätten, könnten sie den Menschen die Zukunft anzeigen und ihnen auch die Mittel nicht vorenthalten, diese zu erkennen. Dass sich viele Träume mit bedeutendem geschichtlichem Inhalt erfüllt haben, beweise die Realität der Wahrsagekunst, entgegen dem Einwand, dass viele Träume falsch seien (Quintus, bei Cicero, Über die Wahrsagekunst I 39.60). Der trügerische Charakter mancher Träume sei teilweise in unbeherrschtem Lebenswandel begründet (ebd. I 60.63).
Entschiedener Widerspruch von Cicero
Gegen diese Rechtfertigung der Wahrsagekunst hat Cicero vom Standpunkt der akademischen Skepsis aus ein wahres Kompendium antiker Traumkritik vorgetragen. Empirische und theologische Aspekte wirken dabei zusammen: Sehr viel Trügerisches werde den Träumenden sichtbar, als wäre es wahr. Warum solle man dann Träumen Glauben schenken? Dass sich manche Träume bewahrheiten, sei angesichts der Vielzahl unserer Träume nicht verwunderlich, sondern verdanke sich bloßem Zufall (ebd. II 120–121). Es gebe also keine göttliche Kraft, die Träume bewirke. Denn viele misstrauten den Träumen, und das müssten die Götter doch wissen. Außerdem, warum sollte uns Gott solche Zeichen nicht eher im wachen Zustand zuteilwerden lassen (ebd. II 124-126)? Was schließlich kennzeichne wahre, und was trügerische Träume? Sollten Letztere auch von Gott kommen, wäre er ja unbeständig (ebd. II 127). Und obskure Träume ließen sich nicht mit der Majestät der Götter vereinbaren (ebd. II 135). Träume seien also nichts anderes als Spuren der Gedanken, die uns im wachen Zustand beschäftigt haben (ebd. II 140). Die Deutungen der Traumausleger zeugten für Cicero daher vor allem von ihrem eigenen Erfindungsreichtum (ebd. II 144).
Biblische Traumkritik
Traumkritische Motive begegnen in der Bibel in der sogenannten Weisheitsliteratur und in der prophetischen Literatur. In Ersterer kommt der Traum als ein Geschehen in den Blick, das nicht durch Wirklichkeit abgedeckt ist (Psalm 73,20; Hiob 20,8) und nur Unruhe bringt (Hiob 7,14) oder falsche Eitelkeit hervorruft (Weish 5,2.6). Im Buch Jesus Sirach wird davor gewarnt, sich in seinem Handeln von Träumen leiten zu lassen; sie seien nur dem Schatten und dem Wind vergleichbar (Sir 34,2). Daher solle man nicht auf Träume hören, sondern sich an der Tora und der Weisheit orientieren. Träume von Lügnern könnten ohnehin nicht wahr sein (Sir 34,4). Die Möglichkeit, dass Träume vom Höchsten gesandt sein könnten, wird eingeräumt (Sir 34,6), man erfährt aber nicht, wie diese Träume von anderen Träumen zu unterscheiden sind. Sir 34 („Träume beflügeln Narren“) wird manchmal als Abgrenzung des Autors gegen die gleichzeitig aufblühende Bewegung der sog. Apokalyptik interpretiert, wo der Traum als Medium der Offenbarung eine Rolle spielt. Jedenfalls stehe der Unsicherheit des Traumes die Verlässlichkeit des göttlichen Gesetzes gegenüber; Weisheit im Sinne des Jesus Sirach ist nicht an Träumen und deren Deutung, sondern an der Gottesfurcht orientiert (Sir 1,7). Deshalb wird im „Lob der Väter“ (Sir 44–49) der biblische Josef mit seinen Träumen und Traumdeutungen völlig übergangen. Dagegen wird im Buch der Weisheit dem Traum Jakobs (Gen 28) Offenbarungscharakter zugesprochen (Weish 10,10), während die gottlosen und unvernünftigen Ägypter den Traum als quälend erleben (Weish 17,15; 18,17.19).
In der prophetischen Literatur gelten Träume gelegentlich als Tagesreste (Jesaja 29,8). Zumeist jedoch werden sie in der klassischen Prophetie trotz der Aussage, sie könnten von Gott kommen (Num 12,6) hinsichtlich ihrer Herkunft als ungöttlich und hinsichtlich ihrer Wirkung als widergöttlich disqualifiziert und innerhalb der Diskussion um wahre und falsche Prophetie stets der falschen zugeordnet (vgl. Dtn 13,2-6; Jeremia 23,16.25-29; Micha 3,7 nach der Septuaginta). Diese negative Einschätzung des Traums innerhalb der Diskussion um die Prophetie ist aus der Rückschau heraus erwachsen. Die Zerstörung Jerusalems 587/86 vC war der Erweis dafür, dass sich die Unheilsprophetie Jeremias erfüllt hatte, während die Heilsprophetie seiner Gegner verblendete Illusion geblieben war. Deshalb hat man sich auch auf Jeremias Verkündigung des Gottes Israels besonnen. Erst nachdem sich in Israel die alleinige Verehrung des Gottes Israels durchgesetzt hatte, kann in den späten biblischen Büchern Sacharja und Daniel der Prophet als Empfänger einer nicht problematisierten Traumvision erscheinen. Und in Joël 3,1 dann das Ergehen von Träumen und Visionen sogar als Kennzeichen göttlicher Geistausgießung benanntwerden. In Sach 10,2 wird allerdings dagegen polemisiert, dass man sich Wahrsagern anvertraut, die nur nichtige Träume erzählen.
Antikes Judentum
Im antiken Judentum des 1. Jh. vC werden in der sogenannten Weisheitlichen Literatur ältere, biblische Momente der Traumkritik (vgl. Ps 73,20; Hiob 7,14; Mi 3,7; Sach 10,2) weitergeführt. In den apokryphen Psalmen Salomos (PsSal 6,3f.; 1. Jh vC) wird das Verwirrende von Träumen angesprochen, die nur die Gottlosen quälen. Und auch im Brief des Aristeas ist das in Jes 29,8 gegebene Wissen um Träume als Tagesreste präsent: „Denn meistens beschäftigt sich auch im Schlafe der Geist mit denselben Dingen, mit denen sich einer wachend abgibt. Wer aber jeden Gedanken und jede Handlung auf das Beste richtet, der trifft das Rechte im Wachen und im Schlafe.“ Die Konsequenz für die Lebensführung des Einzelnen ist die Mahnung zur Tugend. Hier ist die bei Platon genannte Vorstellung leitend, dass der Charakter der Träume der Lebensführung des Träumenden entspricht. Auch im späteren Christentum kennt man diese Erfahrung (Clemens von Alexandria, Teppiche IV 139; Johannes Cassianus, Unterweisungen = Institutiones VI 10-11). Erst Augustinus differenziert: Zwischen Ich und Ich bestehe ein großer Unterschied, also zwischen dem Ich im Wachzustand und dem Traum-Ich: Denn die Vernunft sei im Traum ausgeschaltet und könne einen missliebigen Traum nicht abweisen (Bekenntnisse 10,30f). Ähnlich wie im „Lob der Väter“ (Sir 44-49) werden Josefs Träume auch in den apokryphen Testamenten der Zwölf Patriarchen übergangen. Das ist wohl weniger Traumkritik – Josef empfängt nach Testament Josephs 19,1 einen Traum über das Weltende – als vielmehr der Versuch, auf Josef keinen Schatten fallen zu lassen. So wird die Eifersucht der Brüder im Testament Simeons 2,6 nicht mit den Träumen Josefs, sondern mit der Liebe Jakobs zu Josef begründet. Im hebräischen Testament Naphthalis heißt es entsprechend (3,13): Das ist nur ein Traum und wird sich nicht wiederholen – die Wahrheitsfähigkeit von Träumen wird hier also prinzipiell angezweifelt. Flavius Josephus rühmt sich seiner Fähigkeit zur Traumdeutung (Jüdischer Krieg III 352), weiß aber auch um das Trügerische des Traumes. So nennt er die illusionäre Hoffnung der Aufständischen auf die Rettung der Stadt Jerusalem und des Tempels im jüdisch-römischen Krieg einen „leeren Traum“ (Jüdischer Krieg VI 371). Ob Träume denk- und überlieferungswürdig sind, bemisst sich an der Frage, ob sie sich erfüllt haben (Jüdischer Krieg II 114). Leitend ist hier das im Kontext der Auseinandersetzung um wahre und falsche Prophetie formulierte Kriterium: Nur wahre Gottesworte erfüllen sich (Dtn 18,22).
[Von Prof. Dr. Martin Meiser, Universität des Saarlandes, FR Evangelische Theologie in: Welt und Umwelt der Bibel 3/2019]












