Kontakt mit dem Heiligen I
24.02.2026 Warum in Israel Tiere geopfert wurden
Warum Tiere geopfert wurden, ist in der Geschichte der Religionen unterschiedlich beantwortet worden. Im alten Israel standen der Kontakt mit dem Heiligen und die Überwindung der Schuld im Vordergrund. Selbst in der prophetischen Kultkritik scheinen diese Motive immer wieder durch.
Für den modernen Menschen hat das Tieropfer etwas Anstößiges, weil es materiell vollzieht – die Tötung des Tieres –, was spirituell wirken soll: die Begegnung mit dem heiligen Gott. Widerspricht das eine nicht dem anderen? Die altorientalischen Darstellungen von Opferszenen machen diese Anstößigkeit nur noch sinnfälliger. Da ist das Opfermesser, das dem gefesselten Widder an die Kehle gesetzt wird, oder der Vorderlauf, der mit einem scharfen Schnitt vom Kadaver der Kuh abgetrennt und mit reinigen dem Wasser begossen wird. Es besteht, wenn man an die industrielle Tiertötung von heute denkt, allerdings kein Grund zur Überheblichkeit gegenüber solchen Praktiken, sondern Anlass zum kritischen Nachdenken über unsere Tierethik. Wir sehen ja nicht, was hinter den Mauern unserer Schlachthöfe passiert und können uns deshalb von dem brutalen Geschehen allzu leicht distanzieren. Im Übrigen muss man, um sich das Verständnis nicht von vornherein zu verbauen, den rituellen Rahmen beachten, in dem das antike Opfer vollzogen wurde. Das war bei der Schächtung des Widders die Eingeweideschau und bei der Tötung der Kuh die Zubereitung des Opfertisches für die Götter. Beide Szenen rufen die Frage nach dem Sinn des Opfers wach.
Was ist ein Opfer?
Das Opfer gehört zu den elementaren Praktiken der menschlichen Kultur, mit denen sich ein symbolischer Austausch zwischen den Menschen und den Göttern vollzieht. Im Opfer geht es um eine Gabe, die der Gottheit entgegengebracht wird, um mit ihr zu kommunizieren, sie in ihrer Souveränität anzuerkennen und die kreatürliche Abhängigkeit von ihr zu bekräftigen. Um seine Bedeutung zu ermessen, sind rein begriffsgeschichtliche Erörterungen nur bedingt hilfreich. Das zeigt nicht nur das deutsche Wort „Opfer“, das sowohl den Vollzug der Hand lung (sacrificium) als auch ihr Objekt (victima) bezeichnen kann, sondern auch das Hebräische, das keinen zusammenfassenden Ausdruck für „Opfer“ besitzt. Eine gewisse Ausnahme bilden die Termini mincha–h, „Gabe“ (Gen 4,3ff,1Sam 2,17) und qorba–n, „Darbringung“ (Lev 1,2, Ez 20,28). Die anderen Ausdrücke bezeichnen eine bestimmte, nach der Art der Darbringung (Schlachten, Verbrennen), des Anlasses (Dank, Freiwilligkeit, Gelübde), des Zwecks (Schuldbewältigung), des Termins (morgens, abends) oder der Materie (tierisch, vegetabilisch) unterschiedene Opferart.
Das Opfertier musste makellos, männlich und mindestens sieben Tage alt sein (Lev 1,3; Dtn 15,21), so regelte es das sog. Heiligkeitsgesetz. Dort heißt es in einer Gottesrede an Mose: „Sprich zu Aaron, seinen Söhnen und allen Israeliten und sage zu ihnen: Jeder aus dem Haus Israel und jeder von dem Fremden in Israel, der seine Gabe darbringt bei allen ihren Gelübdeopfern und allen ihren freiwilligen Gaben, die sie JHWH als Brandopfer darbringen – zu eurem Wohlgefallen soll es ein einwandfreies, männliches (Tier) vom Rind, von den Schafen oder von den Ziegen sein. Ein Tier, an dem irgendein Makel ist, dürft ihr nicht darbringen, denn nicht zum Wohlgefallen gerät es euch“ (Lev 22,18-20). Kultgeschichtlich stellen diese Bestimmungen ein spätes Stadium dar. Geht man zu älteren Bestimmungen zurück, so stößt man im vordeuteronomischen Altargesetz Ex 20,24 26 auf einen Text, der die Bedeutung des Altars für das Opfergeschehen grundsätzlich artikuliert: Einen Altar von Erde sollst du mir machen und du sollst auf ihm schlachten deine Brandopfer und deine Heilsopfer, dein Kleinvieh und deine Rinder. An jedem Ort, an dem ich meines Namens gedenken lassen werde, werde ich zu dir kommen und dich segnen. Wenn du mir aber einen Altar aus Steinen machst, sollst du sie nicht bauen als Behauenes, denn du würdest deinen Meißel über es schwingen und es dadurch entweihen. Und du sollst nicht auf Stufen auf meinen Altar hinaufsteigen, damit deine Blöße nicht auf ihm enthüllt wird.“
Während der Ausdruck „Altar von Erde“ den Aspekt des Tieropfers im Blick hat, hebt der folgende Vers mit den unbehauenen Altarsteinen den besonderen Charakter der Opferstätte hervor. Somit konzentriert das Altargesetz die entscheidenden Elemente des Kults auf den Altar, denn hier „kommt“ JHWH zu Israel, um es durch seine Gegenwart zu „segnen“. Wenn also Gott anlässlich eines Opfers kommt, dann nicht in Feindseligkeit, sodass man ihn gnädig stimmen müsste, sondern um die Gastfreundschaft seines Volkes anzunehmen und um es zu segnen. “Jede Opfertheorie, die nicht in diesem Segen das zentrale Anliegen des Opfers sieht, muss als unbiblisch eingeschätzt werden“ (Alfred Marx, Opferlogik, S. 138).
„Das Opfer eures Mastviehs sehe ich nicht an“
Der wahre, Gerechtigkeit und Leben ermöglichende Gotteskontakt ist auch die Basis für den ethischen Anspruch der prophetischen Kultkritik. Das klassische Beispiel dafür ist die Gottesrede in Am 5,21.24: „Ich hasse, ich verwerfe eure Feste,und nicht kann ich riechen eure Festversammlungen: Es sei denn, ihr brächtet mir Brandopfer dar. An euren Gabeopfern habe ich kein Wohlgefallen und das Mahlopfer eures Mastviehs sehe ich nicht an. Fort von mir den Lärm deiner Lieder, und dein Harfenspiel höre ich nicht, aber es ströme wie Wasser (das) Recht und (die) Gerechtigkeit wie ein reißender Bach.“
In der liberalen Theologie des 19. Jh. hat man diesen Text neben Hos 6,6; Jes 1,10 17; Mi 6,6 8 u. a. immer wieder als Kronzeugen für die radikale Kultkritik der Propheten herangezogen und dies in die griffige Formel „Recht statt Kult“ gekleidet. Für ein sachgemäßes Verständnis ist demgegenüber zu beachten, dass die göttliche Ablehnung des Opfers bei den Festen einsetzt und erst danach Opfer und Musik genannt werden. Im Übrigen belegen die Wendungen „eure Feste“, „eure Festversammlungen“, „eure Speiseopfer“, „das Mahlopfer eures Mast viehs“, „der Lärm deiner Lieder“ und „dein Harfenspiel“, dass „einem schuldigen Israel ... gesagt (wird), dass sein Gottesdienst Gott nicht mehr erreicht und insofern zum ,Dienst an sich selber‘ pervertiert ist“ (J. Jeremias, Der Prophet Amos, Göttingen 2 2013, 79).
Der Text sagt aber noch mehr, weil er den Gegensatz von verfehlter Kultpraxis und richtiger Alltagsethik ins Bild setzt und der Hoffnung auf die dynamische Kraft der Gerechtigkeit („wie ein reißender Bach“!) Ausdruck verleiht. Demgegenüber zeichnen Am 5,7 und 6,12 das Bild einer umfassenden „Vergiftung“ des sozialen Lebens: „Ihr, die ihr Recht zu Wermut umstürzt und Gerechtigkeit zu Boden niederwerft!“ (5,7) „Laufen Pferde über Felsen oder pflügt man mit Rindern ‚das Meer‘? Ihr aber habt Recht zu Gift umgestürzt und die Frucht der Gerechtigkeit zu Wermut.“ (6,12) Im Gegensatz zu den Substanzen „Wermut“ und „Gift“, die das soziale Leben vergiften, „strömen“ Recht und Gerechtigkeit wie Leben spendendes Wasser und durchtränken alle Bereiche der Gesellschaft. Wenn Israel dies in seinem sozialen Handeln beherzigt, wird auch sein Gottesdienst nicht mehr auf JHWHs Ablehnung stoßen: „Denn Hingabe (chæsæd) gefällt mir, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (Hos 6,6). Der Sinn des Opfers besteht in einem Gotteskontakt, der Israel ein Leben in Gerechtigkeit und Hingabe ermöglicht.
TEIL 2 folgt kommende Woche
[Prof. em. Dr. Bernd Janowski, em. Professor für Altes Testament an der Evang. Fakultät der Universität Tübingen]


