Kontakt mit dem Heiligen II
04.03.2026 Warum in Israel Tiere geopfert wurden
Blutritus am Allerheiligsten
Um den Aspekt „Leben“ geht es auch im`Ritual des Großen Versöhnungstags (Lev 16), das die Botschaft vom versöhnungswilligen Gott propagiert. Lev 16 ist vor allem wegen seines sprichwörtlich gewordenen Sündenbockritus bekannt. Das ist allerdings nur ein, wenn auch zentraler, Aspekt des Textes. Der andere Aspekt ist mit dem Blutritus an der kapporæt verbunden, die in der Mitte des Allerheiligsten auf der dort aufgestellten Lade angebracht ist. Dieser Blutritus wird in Lev 16,11 16 geschildert: „Und Aaron bringt den Sündopferstier dar, der für ihn ist, und schafft Sühne für sich und sein Haus. Und er schlachtet den Sündopferstier, der für ihn ist. Und er nimmt eine Feuerpfanne voll von glühender Kohle vom Altar vor JHWH und beide Hände voll von wohlriechendem feinem Räucherwerk und bringt es hinter den Vorhang. Und er gibt das Räucherwerk auf das Feuer vor JHWH. Und die Wolke des Räucherwerks bedeckt die kapporæt, die auf dem Zeugnis ist, damit er nicht stirbt. Und er nimmt vom Blut des Stiers und sprengt (es) mit seinem Finger vorn auf die kapporæt ostwärts. Und vor die kapporæt sprengt er siebenmal vom Blut mit seinem Finger.“ (In V. 15f folgen die Bestimmungen für den Sündopferbock des Volkes).
Die kapporæt genannte, auf der Lade platzierte Goldauflage, die ihrerseits zwei aus den Plattenenden getriebene Keruben trägt, verdankt ihren Namen nicht ihrer äußeren Position, sondern der Funktion im Rahmen des Sühnerituals. Aufgrund des etymologischen Zusammenhangs mit kippær, „Sühne schaffen“ oder „Versöhnung erwirken“, ist das Wort am besten mit „Sühnmal“ (nicht „Deckel“!) zu übersetzen. Seine Anfertigung wird in Ex 25,17 22 angeordnet, wobei besonders die Ankündigung JHWHs an Mose zu beachten ist: „Und ich werde dir dort begegnen und mit dir von der kapporæt aus, von (dem Ort) zwischen den beiden Keruben, die auf der Lade des Zeugnisses sind, reden alles, was ich dir für die Israeliten auftragen werde.“
Die Lade, die nur „technisch“ mit der kapporæt verbunden ist, um die Transportfähigkeit dieses unberührbaren Kultgegenstands zu ermöglichen, markiert den Ort der Gottesnähe, an dem JHWH Mose „begegnen“ und mit ihm alles reden wird, was er ihm für die Israeliten auftragen wird. Vor diesem Hintergrund bekommt der Ritus von Lev 16,11.17 seine eminente kultsymbolische Bedeutung, denn in dem zeichenhaften Blutritus wird das schuldig gewordene Israel in Kontakt mit dem sich auf der kapporæt offenbarenden Gott gebracht: „In einer Zeremonie, die das Nahe kommen zu Gott bis zur letzten materiellen Berührung verdichtet und doch die äußerste Sublimität der Berührung in der Sprengung des Tropfens wahrt, wird das Urphänomen der heiligenden Gottesbegegnung vollzogen, der Kontakt des sich offenbarenden Gottes und des sich ganz und gar hingebenden Menschen“ (H. Gese, Zur biblischen Theologie, Tübingen 1983, S. 104). Das ist das Herzstück des Großen Versöhnungstags! Die kostbarste Gabe, die JHWH seinem Volk zur Versöhnung gegeben hat, ist das tierische Blut, in dem, wie Lev 17,11 konstatiert, das „Leben“ bzw. die „Lebenskraft, Vitalität“ (næfæsch) ist: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut. Und ich (JHWH) selbst habe es euch auf/für den Altar gegeben, damit es euch persönlich Sühne schafft, denn das Blut ist es, das durch das (in ihm enthaltene) Leben Sühne schafft.“
Im Zentrum des Begegnungszeltes findet damit eine Gottesbegegnung statt, deren kultsymbolische Bedeutung nicht zu überschätzen ist. Dem Blutritus an der kapporæt entspricht gleichsam spiegelbildlich der Ritus mit dem Sündenbock, der nach Lev 16,20 22 von einem Begleiter aus dem Bereich des Heiligtums in die „Wüste“ bzw. in ein „abgeschnittenes Land“ geführt wird, wo sich seine Spur verliert: „Und er (Aaron) vollendet, das Heiligtum, das Begegnungszelt und den Altar zu sühnen. Und er bringt den lebenden Bock dar. Und Aaron stemmt seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bocks. Und er bekennt auf ihm alle Verschuldungen der Israeliten und alle ihre Übertretungen hinsichtlich aller ihrer Sünden. Und er gibt sie auf den Kopf des Bocks. Und er schickt ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste. Und der Bock trägt auf sich alle ihre Verschuldungen in ein abgeschnittenes Land. Und er schickt den Bock in die Wüste.“
Das „abgeschnittene Land“, in das der Sünden bock geführt wird, repräsentiert raumsymbolisch die Sphäre des Todes. Während also der Sündenbock die Verschuldungen Israels aus dem Heiligtum in die Wüste hinausträgt und da mit buchstäblich „entsorgt“ (religionsgeschichtlich handelt es sich um einen Eliminationsritus), erwirkt der Hohepriester Versöhnung für Israel, indem er das Blut eines anderen Bocks an das „Sühnmal“ im Innern des Allerheiligsten sprengt und damit in die Nähe Gottes bringt. Beide Riten – der Sündenbock wird nach außen in die Wüste geführt und das Sündopferblut wird nach innen an die kapporaet gebracht – verhalten sich komplementär zueinander und propagieren die Botschaft von Gott, der seinem Volk die Gabe der kultischen Versöhnung schenkt. Die Frage, warum in Israel geopfert wurde, erfährt durch diesen Text eine Antwort, die nicht nur einen Höhepunkt alttestamentlicher Opfertheologie darstellt, sondern die auch zentral für das Christentum geworden ist. Denn nach Röm 3,25f ist der Ort der von der Sünde rettenden Gerechtigkeit Gottes nicht mehr die im priesterlichen Heiligtum befindliche kapporæt, sondern der Gekreuzigte, den Gott als „Sühnmal“ (hilasterion) und damit als Ort seiner Gegenwart öffentlich hingestellt hat.


