Mord und Totschlag, Ascherakult und Baalsopfer
27.06.2026 Ein erster Blick auf die biblischen Königsbücher
Das Alte Testament erzählt, dass Salomos Königreich in zwei Reiche geteilt wurde: Juda und Israel. Die Könige von Rehabeam bis Zidkija in Juda und von Jerobeam bis Hoschea in Israel regieren in bewegten Zeiten.
Ziemlich viel Blut fließt in den Erzählungen über die Könige! Das fällt einem beim ersten Lesen unmittelbar auf. Da ermorden Söhne ihre Väter, Palastangestellte ihre Chefs, auswärtige Feinde den König, Putschisten Königinnen ... War es wirklich so? Nun, Herrscherwechsel, das ist in der Alten Welt nicht unbekannt, waren oft von Wirren begleitet. Denn dynastische Systeme sind anfällig, wenn jemand einen geborenen Nachfolger anzweifelt und eine neue Dynastie begründen will, weil er/sie sich weitaus berufener fühlt. Politische Morde wird es also gegeben haben und die Erinnerungen daran sind in der Bibel bis heute erhalten. Die Erzählungen über die Könige Israels und Judas sind in der Bibel in den Büchern 1. Könige und 2. Könige zu finden. In den Büchern 1. Chronik und 2. Chronik ist später, im 4. Jh. vC, die Geschichte der Könige Judas noch einmal erzählt worden. Die Königsbücher handeln ab 1Kön 12 von der Zeit nach Salomo, also ab etwa 926 vC, ab der sogenannten „Reichsteilung“ (die es vermutlich nie gegeben hat), bis ins Babylonische Exil hinein. Archäologisch benennt man die Zeit der zwei Königreiche Israel und Juda als „Eisenzeit II“, unterteilt in IIA, IIB und IIC. Die Bücher der Könige müssen bald nach 561 vC als ursprünglich ein Buch verfasst worden sein. In diesem Jahr wurde der vorletzte König Judas, Jojachin, der ins Exl nach Babylon verschleppt worden war, begnadigt und dieses Ereignis vermelden die Königsbücher als letzte Information. Die Geschichte wird also als Rückschau aufgeschrieben, ob in Palästina oder Babylon, ist nicht geklärt. Natürlich lagen bei der Niederschrift Informationen vor: Namenslisten, Regierungszeiten, Notizen über wichtige Ereignisse, über Errungenschaften und Niederlagen der Könige. In der Zeit des einen Königs war Großes passiert, in der Zeit des anderen vielleicht wenig Spektakuläres, der eine war charismatisch, der andere blass – so ergeben sich unterschiedlich ausführliche Angaben zu den einzelnen Königen.
Wieso die Könige beurteilt wurden
Als alles zusammengetragen wurde, erhielten die Ausführungen aber einen einzigartigen erzählerischen Spin: Jeder einzelne König wurde nun danach beurteilt, ob er gottgefällig gehandelt hatte oder nicht. So gut wie alle haben versagt! Und haben damit zwei Staaten in den Untergang geführt. Was war schief gelaufen? Offensichtlich lag der Grund darin, dass die Könige die kultischen Bestimmungen der Tora nicht befolgt hatten; so deuteten die Schreibenden die Tatsache, dass Israel und Juda – Gemeinschaften ihres starken Gottes JHWH! – von Feinden erobert werden konnten: Israel 722 vC, Juda 586 vC. Die Könige des „Nordreichs“ Israel kommen grundsätzlich schlecht weg, weil sie alle in der deutenden Rückschau fremden Göttern die Ehre gegeben haben. Archäologisch sind tatsächlich viele Kultplätze und Heiligtümer aus der Königszeit im Norden wie im Süden nachweisbar. Die Könige des „Südreichs“ Juda werden zwar teilweise etwas besser bewertet und sogar zwei regelrechte Lichtblicke finden sich darunter, Hiskija und Joschija, doch auch das Königreich Juda geht unter.
Eine dichte Erzählung
Nach heutigen Maßstäben von männlichen Präsidenten jenseits der Siebzig kamen die Könige als ziemlich junge Männer an die Macht, mit 16, 18, 21 Jahren, manche sogar als Kinder (Joasch war 7, Joschija 8 Jahre alt). Die Könige des Nordens und des Südens befinden sich meistens in politischen Konflikten: Zuerst und immer wieder miteinander, dann viel mit den Aramäern, die in Damaskus herrschen (große Herrschernamen sind hier Ben-Hadad, Hasael und Rezin), dann häufig mit Nachbarn wie Moab und Edom, sehr stark mit den Assyrern, zwischendrin auch mit dem Pharao von Ägypten und zuletzt mit den Babyloniern. Literarisch ist in den Büchern der Könige ein Wechsel von Dramatik und Ruhe, Crime und Normalität, Ränkespielen und Verwaltungsakten entstanden. Man spürt, dass die Könige und ihre Volksgemeinschaften in Juda und Israel gerungen haben – um ihre Existenz, um Gottes (und anderer Götter) Gunst und Erbarmen, um Macht, um Geld, um das ethisch richtige Verhalten, um Verrat und Ehrlichkeit. Es gibt Episoden, die filmreife Szenen heraufbeschwören, etwa wenn der Knabe Joasch, vor dem Mordwahn der Atalja in die Bettenkammer gerettet wird. Oder wie der verächtliche Ahab in einer emotional dichten Szene dem Elija zwischen schlechtem Gewissen, Angst und Zorn begegnet. Oder wie ein Prophet des Nordreichs einen Gottesmann aus dem Südreich voller Reue und Liebe im für ihn selbst reservierten Grab bestattet, nachdem er für dessen Tod verantwortlich war (1Kön 13). Überhaupt die JHWH-treuen Propheten: Ahija von Schilo, Schemaja, Jehu ben Hananis, Micha ben Jimla, Jesaja ben Amoz, die Prophetin Hulda, viele weitere namenlose Prophetinnen und Propheten und natürlich Elija und Elischa ermahnen die Könige unermüdlich, sich an JHWH zu halten – bisweilen müssen sie dafür um ihr Leben bangen. Der Erzähl-Zyklus um Elija und Elischa und die Könige Ahab, Ahasja und Joram birgt besonders berührende Geschichten wie etwa die Heilung des Sohnes der Witwe von Sarepta, das Gottesurteil über die Baalspriester am Karmel, Elija am Horeb, Elischas Ölwunder, sein Quellwunder, die Erweckung des Kindes der Frau aus Schunem, die Heilung des Naaman ...
Frauen und Macht
Frauen, die in den Königsbüchern als Protagonistinnen auftreten, sind rar. Zwei Frauen aber hatten offensichtlich Anteil an der Macht in Juda und Israel: Isebel und Atalja. Die erste ist für zwei Jahrzehnte einflussreiche Königsgattin in Samaria, die zweite sechs Jahre regierende Herrscherin in Jerusalem. Die Theologin Ilse Müllner (Isebel, Atalja, die Macht und das Böse, 2005) weist darauf hin, dass beide Frauen zugleich Täterinnen und Opfer sind, sie morden und werden ermordet. Als Ataljas Sohn Ahasja getötet wird, lässt sie alle Thronerben umbringen und wird zuletzt während eines Putsches selbst erschlagen. Isebel lässt u. a. zahllose JHWH-Propheten ermorden, bevor sie Jehu zum Opfer fällt. Isebel und Atalja sterben im Machtkampf, genau so wie viele Könige in den Königsbüchern. Beide werden mit dem Baalskult verbunden und gewiss als böse, fremde Frauen – Isebel stammte aus Phönizien, Atalja aus dem Nordreich – literarisch überzeichnet. Das Urteil über Isebel, die phönizische Baals- und Ascheraverehrerin, ist dabei besonders vernichtend. Jehu, ihr Mörder, lässt sie aus dem Fenster werfen. Aber die Erzählung will noch mehr: Sie will Isebel regelrecht auslöschen. Als Jehu anordnet, ihren Leichnam zu begraben, haben die Hunde bereits bis auf Hände, Füße und Kopf alles gefressen. Die Gefahr durch eine solche fremde Frau, die a) Macht hatte und b) Fremdgötterkulte ins Land einschleppte, schätzten die Verfassenden der Königsbücher offensichtlich überaus hoch ein. Interessant ist aber, dass wir uns noch heute an Isebel erinnern, literarisch und sogar archäologisch: Ein Siegel von ihr mit ägyptisch-phönizischen Motiven hat man relativ sicher identifiziert. Es trägt die vier Buchstaben „JZBL“ (Jezebel). Die Geschichte der Könige ist fesselnd, weil hier die biblischen Geschichtsbücher als Geschichtenbücher vor Augen treten. Die Erfahrung der gescheiterten Könige prägen die Bibel zutiefst. Bibellesende sind zu verstehen: Geschichte erzählen bedeutet Identität herstellen und Optionen für ein Leben in Einklang mit dem Gott Israels für die Zukunft zu finden.



