Vier Millionen Ibismumien
11.03.2026 Die Tiernekropole von Tuna el-Gebel
Von Anfang an gehört der Kult um heilige Tiere zur Religion in Ägypten. Und so wurden an den ägyptischen Tempeln auch lebende Tiere gehalten. Nach ihrem Tod wurden sie – wie die Menschen – mumifiziert. Die Tiernekropole von Tuna el-Gebel ist eine der größten in Ägypten.
Bereits mit den ersten materiellen Hinterlassenschaften im 4. Jt. vC, in der vor- und frühdynastischen Zeit Ägyptens, war das lebende wie auch tote Tier Teil der sakralen Landschaft, es wurde als heiliges Wesen und folglich als Adressat religiöser Praktiken dargestellt. Der ägyptische Tierkult war von Anfang an ein wesentliches Charakteristikum der pharaonischen Religion. Er erlebte seinen Höhepunkt jedoch erst ab der ägyptischen Spätzeit, seit dem 7. Jh. vC, sowie unter der ptolemäischen Herrschaft, seit dem späten 4. Jh. vC. Die damalige Lebenswelt der Bevölkerung war sehr eng mit dem Kult um die heiligen Tiere verbunden. Diese waren nicht nur permanenter Bestandteil des sakralen Tempelinventars, auch Nekropolen für am Tempel gehaltene Tiere und ihre Artgenossen wurden eingerichtet.
Das „Ibiotapheion“ von Tuna el-Gebel
Das Institut für Ägyptologie und Koptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht seit den 80er-Jahren im Rahmen einer Joint Mission mit der Fakultät für Archäologie der Universität Kairo an einem der bekanntesten ägyptischen Tierfriedhöfe in Tuna el-Gebel, Mittelägypten. Die antike Tiernekropole, die aufgrund ihrer zahlreichen Ibisbestattungen als „Ibiotapheion“ bezeichnet wird, liegt heute ca. 300 km südlich von Kairo in der Provinz Minja auf der Westseite des Nils am Wüstenrand. Der Bestattungsplatz der heiligen Tiere erstreckt sich über 3 km in unterirdischen Gängen. Der älteste Teil wurde bereits in der 26. Dynastie unter Pharao Amasis (570–526 vC) angelegt und unter den Persern kontinuierlich ausgebaut. Zur Zeit Alexanders IV. und seines Nachfolgers Ptolemaios I. (317–306 vC) wurde die Tiernekropole mit einem Tempel sowie reich dekorierten unterirdischen Kultstellen und -kammern umfangreich erweitert, was ihr heute eine einzigartige Ausgestaltung verleiht. Die letzten Nutzungsphasen datieren in die römische Zeit, ins 4. Jh. nC.
Volksglaube oder Hochreligion?
In den unterirdischen Galerien wurden im Laufe von fast 1000 Jahren Belegungszeit ca. 4 Millionen Ibismumien, Hunderte Paviane, zahlreiche Falken und weitere Arten bestattet. Die Tiere sind in der Regel in Holzsärgen, Steinsarkophagen oder Behältnissen aus Ton abgelegt worden. Zusätzlich wurden Tausende von Götterstatuetten aus Bronze oder Holz sowie Stelen und rituelles Gerät deponiert. Diese eindrucksvollen Hinterlassenschaften des ägyptischen Tierkultes wurden in der Forschung lange Zeit mit einem primitiven Volksglauben innerhalb der ägyptischen Bevölkerung erklärt: So wurden Tiernekropolen im ganzen Land als Pilgerzentren interpretiert und die Ablage der Mumien mit dem Aufstellen und Anzünden von Kerzen in Kirchen verglichen. Unterstützt wurde die Theorie einer solchen Form „persönlicher Frömmigkeit“ vor allem durch den Umstand, dass sich auf den Tierbehältern und Statuetten Inschriften befinden, die den vermeintlichen „Stifter“ namentlich benennen: „17. Regierungsjahr, 5. Mesore: Der Gott (= Ibis) des Pemenches (= Stifter), Sohnes des Panaibis, der gebracht wurde aus Hermopolis.“
Die Hauptgottheiten der meisten ägyptischen Tempel waren jedoch theologisch mit bestimmten Tieren assoziiert: Tuna el-Gebel gehörte beispielsweise zur Nekropole der Gauhauptstadt Hermopolis Magna, des wichtigsten Kultortes des ibis- und paviangestaltigen Weisheitsgottes Thot, des „Herrn von Hermopolis“. In den Tempeln des Landes befanden sich nicht nur Statuen der mit Göttern gleichgesetzten Tiere, sondern auch ein oder mehrere lebende Exemplare, die dort dauerhaft gehalten wurden. Sie konnten u. a. in ihrer Funktion als Orakeltier schriftlich eingereichte Orakelfragen „beantworten“. Als weitere Beispiele seien der Stier für den Gott Apis oder das Krokodil für den Gott Zobek genannt. Diese besonderen Tempeltiere konnten nach bestimmten Merkmalen wie ihrer Fellfarbe auserwählt werden. Sie wurden rituell „gekrönt“ bzw. eingesetzt, lebten auf sakralem Tempelboden und wurden nach ihrem Tod schließlich mumifiziert und bestattet. Zu diesen heiligen Exemplaren gesellte sich die Gruppe der sakralen Herden, aus der in der Regel das besondere Tempeltier entstammt. Zusätzlich gab es das Kollektiv heiliger, meist kleinerer Tiere wie Hunde, Katzen, Spitzmäuse, Fische und wiederum Ibisse, die im ganzen Land verehrt wurden.
Das Geschäft mit den „fake mummies“?
Die Bestattungen in Tuna el-Gebel lassen sich in die eben genannten Hauptkategorien unterteilen: Besondere vergöttlichte Tempel- bzw. Orakeltiere wurden nach ihrer Mumifizierung in Särge und Sarkophage gelegt und schließlich in aufwendig dekorierten Wandnischen entlang der Gänge oder in Kammern deponiert. Daneben wurden aber auch Massen heiliger Tiere wie Ibisse oder Falken in einfachen Behältnissen in den Galeriearmen und Kammern in mehreren Lagen bestattet. Darüber hinaus enthielten die „Ibisbehälter“ nicht immer Knochen oder ganze Vogelmumien, sondern auch Eier, Küken, Jungvögel, Federn, Nester und Exkremente, die ebenfalls als heilige Gegenstände betrachtet und deshalb bestattet wurden. Dieser Befund nährte in der Forschung lange Zeit die Annahme von Pilgerzentren, an denen Priester den ahnungslosen Menschen „fake mummies“, also falsche Mumien, für viel Geld verkauft haben sollen.
Interessanterweise ergaben archäozoologische Untersuchungen an den Tieren von Tuna el-Gebel, vor allem an den Pavianen, deutliche pathologische Veränderungen an Gebiss und Bewegungsapparat. Diese sind auf eine nicht artgerechte Haltung und Ernährung u. a. im Rahmen von Züchtungsversuchen zurückzuführen, ein Umstand der wohl mit der Unkenntnis der damaligen Verantwortlichen zu erklären ist, die das Ess- und Sozialverhalten der Tiere schlicht und ergreifend nicht kannten. In der Ptolemäerzeit wurden generell an den großen Tierfriedhöfen des Landes staatliche Aufzucht- und Futterplätze für die Massenhaltung von Tieren eingerichtet. In den Textquellen aus Tuna el-Gebel sind Futter- bzw. Aufzuchtplätze für Ibisse, sog. Ibiotropheia, vielfach erwähnt. Von diesen stammen u. a. Eier, Federn und Nester, die in den „fake mummies“ verarbeitet wurden. Tatsächlich repräsentierte ihr Inhalt vielmehr den gesamten Lebenszyklus eines heiligen Tieres und wurde als heilig angesehen.
Kultgemeinschaften oder Pilger?
Der Ausbau der Tiernekropole, die Organisation von Kult und Bestattungen sowie die massenhafte Haltung und Präparierung von Ibissen und Pavianen setzten einen funktionierenden staatlichen Verwaltungsapparat und dauerhaft tätiges Personal voraus. Auch wenn in den meisten Darstellungen der Pharao als Vollzieher des Kultes auftritt, waren in der Regel lokale Priester und Kultgemeinschaften für die Durchführung und Betreuung verantwortlich. In Tuna el-Gebel lebten diese in unmittelbarer Nähe in einer aus Turmhäusern bestehenden Siedlung. Zu den Mitarbeitern zählten u. a. Handwerker, Goldschmiede, Weinverkäufer oder Fischer. All diese Personen waren es auch, die sich über die Jahrhunderte auf den Behältnissen der Tiermumien und den zu Tausenden abgelegten Statuetten namentlich als Stifter verewigt haben. Archäologische Belege für Pilger gibt es in Tuna el-Gebel nicht. Die Bestattung von Mumien und Beigaben zu besonderen Anlässen wie dem Neujahrsfest gehörte zu dem Aufgabenfeld des Personals, gleichwohl sie sich durch den Akt der Ablage Anschluss an die jährlich wiederkehrende „creatio continua“, die andauernde Weltschöpfung erhofften.
[Von: Dr. Mélanie Flossmann-Schütze, Ägyptologin. In: welt und umwelt der bibel 3/2017]


