Wenn Tiere zum Symbol für Christus werden I
25.03.2026 So wie der Salamander das Feuer löscht
Die frühchristliche Schrift des Physiologus verbindet in einer für uns heute ungebräuchlichen Weise naturkundliche Kenntnisse von Tieren, Pflanzen und Mineralien mit einer Erläuterung des christlichen Glaubens.
W er sich zum ersten Mal mit dem Physiologus beschäftigt, sieht sich mit einer Reihe merkwürdiger Geschichten konfrontiert: Das Wiesel empfängt durch den Mund und gebiert durch die Ohren, ein Einhorn lässt sich nur von einer reinen Jungfrau fangen, der Diamant kann durch Bocksblut erweicht werden, der Vogel Phönix verbrennt zu Asche und wird wiedergeboren, der Salamander ist feuerfest. Wie sind diese uns oft merkwürdig anmutenden Geschichten zu bewerten? Warum werden sie erzählt und noch dazu mit einer christlichen bzw. allegorischen Auslegung verknüpft? Wie muss man sich das sozio-kulturelle Umfeld der Enstehungsgeschichte dieses Textes vorstellen? Welches Publikum hatte der Verfasser im Visier? Man könnte auch alle diese Fragen bündeln und einfach sagen: Wie sollen wir dieses literarische Phänomen aus der Frühzeit des Christentums verstehen? Die kleine, nicht sehr umfangreiche Schrift des Physiologus entstand wahrscheinlich im 2. oder 3. Jh. nC in Alexandria auf Griechisch. Sie war von Anfang an sehr beliebt und wurde bereits in frühester Zeit immer wieder abgeschrieben. Dabei war der Text nie kanonisch, sondern blieb immer offen für Zusätze, Veränderungen und Modifikationen.
Der Autor: ein Naturwissenschaftler
Der anonyme Verfasser beruft sich stets auf die Autorität eines sogenannten „Physiologus“, d. h. eines ebenfalls anonym bleibenden „Naturwissenschaftlers“. Da kein eigentlicher Werktitel überliefert ist, hat sich eingebürgert, den Text nach dieser unbekannten naturwissenschaftlichen Autorität „Physiologus“ zu nennen. Gattungstechnisch lässt sich der Physiologus den antiken Naturkunden zurechnen, die seit hellenistischer Zeit entstehen, wie etwa der Historia animalium des Aristoteles oder der Naturalis Historia des Plinius. Gegenstand der antiken Naturkunde sind üblicherweise Tiere, Pflanzen und Steine. Entsprechend antiker naturkundlicher Methodik beschreibt der Physiologus daher ihre „Natur/en“, das heißt ihre charakteristischen Eigenschaften. Dadurch erreicht er, dass der in ihnen verborgene Sinn entdeckt und erläutert werden kann, der für die Bibelerklärung und die christliche Lehre wichtig ist. Die allegorische Methode, die der Physiologus dabei benutzt, hat ihre antiken Vorläufer vor allem in der Homer-Allegorese sowie der Bibelallegorese Philons von Alexandrien.
Naturkenntnis erläutert die Bibel
Das exegetische Interesse, das den Verfasser des Physiologus leitet, hat Augustinus auf den Punkt gebracht: „Die Unkenntnis der Dinge erzeugt aber dunkle, figürliche Redeweisen, wenn wir Eigenschaften von Lebewesen, Steinen, Pflanzen oder anderen Dingen nicht kennen, die meistens wegen irgendeines Vergleichspunktes in der Hl. Schrift angeführt werden. ... Denn sogar die Kenntnis des Karfunkelsteines, der im Finstern leuchtet, erhellt viele dunkle Stellen in den Büchern, wo auch immer er wegen eines Vergleichspunktes angeführt wird; die Unkenntnis von Beryll oder Diamant verschließt sehr oft die Tore des Verständnisses“ (De doctrina Christiana 2,16; Übers. K. Pollmann).
In ähnlicher Weise entwickeln die Kirchenväter in der Spätantike im Anschluss an Paulus (Röm 1,20) auch die Vorstellung vom Buch der Natur oder Buch der Schöpfung (liber creaturae, oft bei Augustinus belegt), das es zu lesen und zu deuten gilt. Die Natur bot sozusagen eine symbolische Sprache, die es zu entschlüsseln galt; sie beinhaltete „einen theologischen Text“ (Patricia Cox), der mit staunenswerten göttlichen Wundern aufwarten konnte. Tiere, Mischwesen, Pflanzen, Steine Religionswissenschaftlich betrachtet sind die Beziehungen zwischen Göttlichem, Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen offen, sodass es mannigfache Beziehungen unter diesen geben kann, bis hin zu Mischformen, Metamorphosen oder Übergängen (Seelenwanderung). Deshalb nimmt der Physiologus neben Pflanzen, Steinen und Tieren auch sogenannte Misch- oder Fabelwesen, wie z. B. das Einhorn, in seine Sammlung auf. In all diesen Erscheinungsformen der kreatürlichen Welt, d. h. in zahmen oder wilden, gewöhnlichen oder exotischen Tieren, Misch- oder Fabelwesen, Pflanzen und Steinen, können Formen des Göttlichen gefunden werden. Die Realität der Misch- und Fabelwesen wurde in der Antike zwar angezweifelt und kritisiert, doch wurde den Nachrichten über sie auch wegen mangelnder Überprüfbarkeit oder infolge der Berufung auf namhafte Autoritäten oft geglaubt.
Tiere, Pflanzen, Steine und Fabelwesen Der Physiologus behandelt bekannte symbolträchtige Tiere wie Adler, Ameise, Biene, Löwe und Schlange; gewöhnliche Tiere des antiken Alltags wie Biber, Eidechse, Eisvogel, Esel, Fasan, Frosch, Hase, Hund, Hirsch, Ibis, Igel, Käuzchen, Krähe, Rebhuhn, Reiher, Salamander, Schwalbe, Storch, Taube, Thunfisch, Wiedehopf, Wildschwein; außergewöhnliche (exotische) Tiere, Raubtiere und Aasfresser wie Affe, Bär, Elefant, Geier, Hyäne, Krokodil, Papagei, Pelikan, Pfau, Panther, Strauß und Wolf; sowie (teils symbolreiche) Misch- oder Fabelwesen wie Basilisk, Einhorn, Gorgo, Greif, Phönix, Satyr, Sirenen und Hippo- oder Onokentauren. Dazu kommen Steine wie Achat, Magnet, Diamant, Feuerstein, zudem die Perle und einige Pflanzen wie Maulbeerfeige und Mandragora.
Das Grundmuster eines Physiologus-Kapitels
In einem ersten Teil haben wir ein Bibelzitat, in dem das betreffende Tier oder Mischwesen, die Pflanze oder der Stein genannt wird. Sodann folgt eine naturkundliche Beschreibung, die sich auf die Autorität des Physiologus stützt. In einem zweiten Teil werden diese Eigenschaften christlich bzw. allegorisch ausgelegt. Beschlossen wird das Kapitel im Regelfall durch einen formelhaften Rückgriff auf die Autorität des Physiologus („Schön hat der Physiologus gesprochen …“).
Beispiel für den tpischen Aufbau - Kapitel 4 über den Pelikan. Überschrift: Vom Pelikan. Bibelzitat: Schön sagt David: „Ich bin gleich dem Pelikan in der Wüste“ (Ps 101,7). Naturkundliche Beschreibung mit Berufung auf den Physiologus: “Der Physiologus sagt vom Pelikan, dass er von Natur aus sehr kinderlieb ist. Wenn er die Jungen geboren hat und sie ein wenig herangewachsen sind, schlagen sie den Eltern ins Gesicht. Die Eltern züchtigen die Kinder dann und töten sie. Später bereuen die Eltern das und betrauern die Kinder drei Tage lang, die sie getötet haben. Am dritten Tage reißt sich ihre Mutter die Brust auf; das Blut tropft auf die Leichen der Jungen und sie weckt sie wieder auf.” Christliche Hermeneia: So sagte auch der Herr im Buch Jesaja: „Söhne habe ich aufgezogen und sie erhöht, und sie sind von mir abgefallen“ (Jes 1-2) Es hat der Schöpfer uns zu Herrn der gesamten Schöpfung geboren, und wir haben ihn geschlagen: Auf welche Weise haben wir ihn geschlagen? „Wir haben der Schöpfung mehr gedient als dem Schöpfer“ (Röm 1,25; Mk 1,5).
Als unser Heiland an das Holz des Kreuzes hinaufgegangen war, hat er seine Seite geöffnet und Blut und Wasser zur Rettung und zum ewigen Leben vergossen. Das Blut durch den, der gesagt hat: „Er nahm den Kelch und dankte“ (Mt 26,27; Mk 1,4; Lk 3,3; Apg 13,24.19,9); das Wasser dient zur Taufe der Buße. Formelhafter Abschluss mit erneutem Bezug auf die Autorität des Physiologus: “Schön hat der Physiologus über den Pelikan gesprochen”.


