Wenn Tiere zum Symbol für Christus werden II
01.04.2026 Die Entschlüsselung der Symbolik der Sprache der Natur
Im Salamanderkapitel wird die Feuerfestigkeit des Salamanders, die in der Antike als pseudonaturwissenschaftliche Tatsache galt – sie wird z. B. von Aristoteles, Theophrast, Plinius und Aelian überliefert – mit einem berühmten Rettungsparadigma aus dem Alten Testament in Verbindung gebracht, mit den drei Jünglingen im Feuerofen aus dem Buch Daniel.
Die Feuerfestigkeit des Salamanders beweist dabei die Glaubwürdigkeit der biblischen Geschichte: wie der Salamander und die drei Jünglinge könne auch der Gläubige im Feuer nicht verbrennen. “Es gibt ein Lebewesen, das Salamander heißt. Der Physiologus hat über ihn gesagt: wenn er in den Feuerofen kommt, verlöscht der ganze Ofen, und wenn er in die Fußbodenheizung (Hypokausten) des Bades kommt, verlöscht die Fußbodenheizung. Wenn nun der Salamander das Feuer durch seine natürliche Anlage löscht, wie können dann bis heute noch Leute bezweifeln, dass die drei Jünglinge im Feuerofen keinen Schaden erlitten, sondern im Gegenteil den Ofen abkühlten? Denn es steht geschrieben: ,Und selbst wenn du durchs Feuer gehst, wird die Flamme dich nicht verbrennen (Jes 43,2).‘ So, oh Mensch, sei auch du in der Lage, die ewige und unauslöschliche Flamme zu löschen.”
In einer anderen Geschichte teilt uns der Physiologus mit, dass auch die von Xenokrates von Ephesos und Plinius d. Ä. überlieferte sogenannte Bocksblutlegende (nur das warme Blut eines Ziegenbocks könne einen Diamanten erweichen), ein Sinnbild für die Passion Christi sei, denn auch Christus habe nur durch sein eigenes warmes Blut bezwungen werden können: “Es gibt einen Stein, der Diamant genannt wird, denn er wird weder vom Eisen geschnitten noch wird er durch Schnitzen weich. Er schmilzt auch nicht im Feuer, das alles verzehrt, sondern allein in Bocksblut, das, weil es heißer ist als alles andere, die unnachgiebige Härte des Steines erweichen kann. … Weswegen und warum ist diesem Ding ein so merkwürdiges Wesen gegeben? Deswegen, damit, wenn jemand der göttlichen Botschaft nach Christus Vertrauen schenkt, aber wider Willen nicht glauben kann, er doch das Geheimnis des Glaubens annehmen soll, wenn er nur auf den Diamanten blickt. … So unbezwingbar durch Gewalt ist er: Was auch Könige und Tyrannen gegen ihn geplant haben, alle haben sie ihr Ziel verfehlt. Denn wie einen Diamantstein haben sie Christus angegriffen, aber sie wurden als ohnmächtig entlarvt. … Der aber, obwohl allen überlegen gefunden, wird wie der Diamant durch warmes Blut gebeugt. … Durch warmes Blut wird also wie der Diamant auch Christus, der Unbesiegbare, besiegt, und sein eigenes Innere wird erweicht, und deshalb genießt er das Königreich im Himmel.”
Wie ist der Text zu verstehen?
Welches Interesse verfolgt der Verfasser mit diesen Texten und wie muss man sich ihre Entstehung vorstellen? Generell kann man sagen, dass der Physiologus die Informationen der ihm vorliegenden naturkundlichen Werke benutzt oder sich an bekannte naturkundliche Überlieferungen, Geschichten und Beobachtungen aus seiner Um- und Alltagswelt anlehnt. Gleichzeitig wird die Tendenz, sich von einer heidnischen Umwelt abzugrenzen und dem paganen Kult eine christliche Deutung der Welt und Natur entgegenzusetzen, in einigen Kapiteln besonders deutlich, etwa im Kapitel über die Sonneneidechse: “Es gibt eine Eidechse, die Sonneneidechse genannt wird, wie der Physiologus sagt. Wenn sie alt geworden ist, nimmt sie an beiden Augen Schaden und wird blind: Sie sieht das Licht der Sonne nicht mehr. Was macht nun die gute Natur in ihr? Sie sucht eine nach Osten gelegene Mauer und kriecht in eine Mauerspalte, und wenn die Sonne aufgeht, öffnen sich ihre Augen, und sie werden wieder gesund. In dieser Weise suche auch du, o Mensch, wenn du das Gewand des alten Menschen trägst (vgl. Eph 4,22-24; Kol 3,9) und die Augen deines Herzens trübe werden, die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20), unseren Herrn Jesus Christus, [dessen Name bei dem Propheten „Aufgang“ genannt wird] (vgl. Sach 6,12; Lk 1,78). Er wird die Augen deines Herzens öffnen.” Im ersten Teil knüpft die Geschichte über die Sonneneidechse an allseits bekannte Beobachtungen über die Mauereidechse und ihr besonderes Verhältnis zur Sonne an: Sie galt in der Antike als Sonnentier, das sich erst bei der Mittagshitze ins Kühle zurückzieht.
Der Text ist in seinem zweiten allegorischen Teil mit wichtigen Bildern und Begriffen des christlichen Glaubens durchsetzt: das Gewand des alten Adam, die Blickrichtung nach Osten zur Sonne der Gerechtigkeit und der Sonnenaufgang als Symbol Christi bzw. seiner Auferstehung. Dass hier aber ausgerechnet auf die Blindheit der Eidechse rekurriert wird, die sich ähnlich wie die Schlange verjüngen kann, wird erst vor dem Hintergrund der antiken medizinisch-magischen Praktiken verständlich, die man mit diesen Reptilien verband. Plinius kennt in seiner großen naturkundlichen Enzyklopädie gleich mehrere Rezepte, wie man mithilfe von Eidechsen verschiedene Mittel gegen Augenkrankheiten herstellen konnte: Z. B. konnte man einer Eidechse zunächst die Augen ausstechen und ließ sie dann mit einem Eisen- oder Goldring zusammen in einem Glasbehälter. Sobald die Eidechse das Augenlicht wiedergewonnen hatte, ließ man sie frei. Der Ring wurde dann als apotropäisches Mittel gegen Augenentzündungen getragen. Oder man sperrte eine Eidechse zusammen mit neun Steinen, auf denen Eidechsen eingraviert waren, neun Tage lang in einem frisch gebrannten Tongefäß ein. Dann nahm man jeden Tag einen Stein weg. Am neunten Tag entlässt man die Eidechse wieder in die Freiheit. Die so gewonnenen Steine eigneten sich zur Abwehr und Behandlung von Augenkrankheiten. Aelian berichtet, dass er selbst Augenzeuge bei einer solchen magischen Prozedur gewesen sei. (Aelian, De natura animalium 5,47; Plinius, Naturalis historia 29,129-131).
Offenbar wurde die Geschichte über die Erblindung und Regeneration der Sonneneidechse im Physiologus als christliches Gegenstück zum paganen medizinisch-magischen Volks- und Naturglauben konzipiert. Man wusste um diese Praktiken, akzeptierte sie als pseudonaturkundliche Realität und versuchte eine christliche Deutung, um sie aus der heidnischen Sphäre in die christliche hinüberzuführen. Neben solchem pseudonaturkundlichem Wissen und manchmal auch märchenhaften oder legendenhaften Erzählelementen, die durchaus auch aus der Bibel stammen können, steht aber auch echte Naturbeobachtung mit präzisen Beschreibungen: So wird etwa der Ibis als Wat- und Stelzvogel beschrieben, der nicht schwimmt bzw. sich nur im seichten Wasser aufhält.
Für den Unterricht
Die breite Rezeption, die zahlreichen Handschriften, Versionen und Übersetzungen machen deutlich, dass der Verfasser des Physiologus das christliche Wissen erfolgreich popularisierte. Seine christliche Naturkunde wurde zu einer Art Volksbuch, das man gerne las und zitierte. Dabei dürfte der Text zunächst für den Unterricht und/oder die christliche Predigt/ Seelsorge geschrieben worden sein, aus dem Bedürfnis heraus, einerseits in der Bibel und in der Alltagswelt vorkommende Tiere, Pflanzen, Steine und Mischwesen in den Zusammenhang der christlichen Botschaft zu stellen und sie aus der Vorstellungswelt einer feindlichen, heidnischen Gesellschaft herauszulösen und mit christlichen Assoziationen zu verknüpfen, andererseits die Neugier des christlichen Lesers oder Hörers durch teils wunderbare christlich inspirierte Geschichten zu fesseln und zu zeigen, dass man auch mit christlichen Texten belehren und unterhalten kann. Dass die einfach strukturierten Geschichten über Tiere, Mischwesen, Pflanzen und Steine für das Vorstellungsvermögen der Gläubigen besonders gut nachvollziehbar waren und sie unmittelbar ansprachen, liegt auf der Hand. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die christliche Literatur in den ersten drei Jahrhunderten noch im Entstehen begriffen war. Das Wissen über das Christentum und seine veschiedenen Manifestationen und Glaubensinhalte musste ja erst noch verbreitet werden.
Wie die christliche Naturkunde des Physiologus offenbar als Gegenpol zu den paganen Tierbüchern und Naturkunden konzipiert wurde, so entsteht z. B. auch im 2. Jh. in den apokryphen Apostelakten das christliche Pendant zum paganen Roman, der in dieser Zeit eine Blüte erlebt. Man muss sich auch klarmachen, dass der Außendruck für die christlichen Gemeinden in den ersten Jahrhunderten noch sehr groß war. Die Christen wurden verfolgt, sie wurden von gebildeten Heiden (wie z. B. Celsus) literarisch bekämpft und sie mussten sich mit einem paganen Bildungsprogramm auseinandersetzen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine Schrift wie der Physiologus nicht primär Kuriositäten oder Naturwunder sammelte, um das Interesse eines sensationshungrigen Publikums zu befriedigen. Vielmehr versucht sie in erster Linie, das Geheimnis der christlichen Offenbarung auf einer naturkundlichen Basis zu vermitteln. Sie lehrt ganz im paulinischen Sinn (Röm 1,20), Gott in der Schöpfung zu erkennen, und bietet so eine frühchristliche Glaubens- und Naturlehre in nuce.
[Von PD Dr. Horst Schneider, habilitierter Byzantinist, verantwortlicher Redakteur der Reihe „Fontes Christiani“]


